Xenia & Negra - Eine Lanze für alte Katzen!

Kann man 16 Jahre (plus/minus) alten Katzen noch einen Platzwechsel zumuten?

Ja das kann man!! Gerade in den letzten Jahren sind bei mir immer wieder alte Katzen abgegeben worden. Eine Kollegin von mir, sie führt ebenfalls ein Katzenheim, hat genau die gleichen guten Erfahrungen mit ihnen gemacht. Alte Katzen sind tolle Katzen, Punkt! In meinem Fall kann ich nicht ausschliessen, dass ich, weil ich mittlerweile selbst 79 Jahre alt bin, bei alten Tieren nur ganz schwer nein sagen kann. Auch wenn ich es mir arbeits- bzw. belastungsmässig und finanziell eigentlich gar nicht leisten kann sie aufzunehmen.

Im Juli dieses Jahres hat mich eine junge Frau aus Baden angerufen. Sie war gerade im Begriff von Baden nach Zürich umzuziehen. Als ihr, im Zentrum von Baden, eine abgemagerte Tigerkätzin auffiel. Und das nicht zum ersten Mal, zu ganz unterschiedlichen Zeiten, auch nachts. Verständlicherweise machte sie sich Sorgen um Xenia. So hiess die Tigerin, wie sich später herausstellte. Sie entsprach so gar nicht dem Bild einer gepflegten, wohlgenährten Katze mit Familienanschluss. Kurz entschlossen nahm sie sie erst einmal mit nach Hause. Am nächsten Morgen kaufte sie alles von dem sie glaubte, dass eine Katze es brauche. Katzentoilette, Schälchen, ein schönes, fliederfarbenes, weiches Kissen, Futter u.s.w. Dumm war, dass exakt zu diesem Zeitpunkt die junge Deutsche für eine Woche verreisen musste. Es blieb ihr keine Zeit nach eventuellen Besitzern der Katze zu suchen. Über die Katzenhof-Homepage landete sie bei mir und fragte an, ob ich Xenia in ihrer Abwesenheit in Pension nehmen könnte. Ich konnte, mein Hauswirtschaftsraum, der mir immer als Unterkunft für Not- und Sonderfälle dient, war gerade nicht besetzt. Ich war gespannt und neugierig auf die Tigerin und das seltene, menschliche Exemplar, das bereit war, für eine gefundene Katze, den ganzen Aufwand zu betreiben und sogar Pensionskosten zu bezahlen.

Am nächsten Morgen stand eine junge, hübsche, sympathische Frau, bepackt mit dem neu erworbenen Katzenhausstand und der klapperdürren Tigerkatze vor der Tür. Mir war sofort klar, dass es sich nicht um eine halb verhungerte, sondern eine sehr alte Katze handelte. Genau wie alte Menschen, magern auch sehr alte Tiere oft extrem ab. Das konnte die junge Frau selbstverständlich nicht wissen. Xenia war, wegen des neuerlichen Umzugs auf den Katzenhof, überhaupt nicht ängstlich oder ungehalten. Sie machte es sich, in dem für sie vorbereiteten Raum, in einem weichgepolsterten Korb bequem und sah uns erwartungsvoll an. Ich beeilte mich ihr etwas zum essen anzubieten. Mit ruhiger Selbstverständlichkeit futterte sie alles, bis auf den letzten Krümel, auf. Ihre „Retterin“ konnte beruhigt ihre einwöchige Reise antreten. Ich rief meine Tierheim-Kollegin an, erzählte ihr die Geschichte und bat sie im Internet nachzusehen ob jemand die alte Tigerin sucht. Ausserdem besitzt sie ein Chip-Lesegerät, mit dem sie am nächsten Tag bei mir vorbei kam. Und siehe da, die Katze trug tatsächlich einen Chip. Jetzt war es nicht mehr schwer über die ANIS (Animal Identity Service) die Halterin des Tieres zu finden. Es stellte sich heraus, dass die Kätzin mitten in Baden, unweit der Stelle wo sie der jungen Frau durch ihren besorgniserregenden Zustand aufgefallen war, wohnte. Der nächste Tag war ein Sonntag. Ich setzte mich ins Auto und fuhr nach Baden. Erstens wollte ich sehen ob man an der angegebenen Adresse eine so alte Katze laufen lassen kann. Zweitens die Halterin informieren, dass ihre Katze bei mir auf dem Katzenhof ist. Ich war beruhigt, als ich festgestellt hatte, dass Xenias Zuhause in einer verkehrsberuhigten Zone liegt. Bei ihr zu Hause öffnete niemand auf mein klingeln.

Spät abends fuhr ich noch einmal nach Baden. Ich stand wieder vor dem kleinen Häuschen in der Badener Altstadt, das auf mich, mit seinen Farben und Verschönerungen, freundlich und sympathisch wirkte. Ein bisschen wie bei Hippies. Im unteren Teil der Haustür gibt es einen extra ausgeschnittenen Eingang für Xenia. Leider öffnete wieder niemand. Vielleicht war ja Xenias Katzenmami, wie so viele Leute um diese Zeit, wir hatten Sommerferien, in den Ferien! Ich entschloss mich, bis zur Rückkehr von Xenias Finderin, vorläufig nichts mehr zu unternehmen.

Die Kätzin war jetzt schon einige Tage auf dem Katzenhof. Sie machte einen total entspannten und zufriedenen Eindruck, im Hauswirtschaftsraum hinter meiner Küche. Jedes Mal wenn ich nach ihr sah, schien es mir, als habe sie mich schon erwartet. Vielleicht lag es aber auch nur an dem besonders ausgewählten guten Futter, das ich ihr reichlich anbot. Sie verputzte alles mit Heisshunger, lies sich gerne streicheln und hörte aufmerksam zu, wenn ich ihr von meinen vergeblichen Bemühungen in Baden erzählte. Sie benutzte ganz brav die Katzentoilette und war wie alle alten Katzen, die bei mir gestrandet waren, immer freundlich und pflegeleicht.

Bei ihrer Rückkehr war die junge „Katzenretterin“ von Xenia froh über die Entwicklung der Geschichte, und auch darüber, dass sie die Verantwortung für das fremde Tier, die sie so spontan übernommen hatte, los war. Vor allem, weil es zu diesem Zeitpunkt in ihrem eigenen Leben einige Turbulenzen gab. Telefonisch erreichten wir Xenias Halterin endlich im Tessin. Aber statt sich zu bedanken, musste sich die Finderin beschimpfen lassen, dass sie sich um die alte Kätzin gekümmert hatte. Da platzte mir der Kragen. Ich übernahm den Hörer und sagte ihr erst einmal die Meinung. Ausserdem machte ich sie darauf aufmerksam, dass jeder, der sich nicht sehr gut mit Katzen auskennt, beim Anblick einer so stark abgemagerten Katze an Vernachlässigung denken würde. Wütend verteidigte sich Xenias Halterin damit, dass sie es satt habe, dass dauernd fremde Leute sich um ihre Katze kümmern, oder sie zum Tierarzt bringen würden. Der magere Körperbau hänge nicht mit dem Alter (16 Jahre) sondern der Rasse dieser Kätzin zusammen. Das verschlug sogar mir fast die Sprache, handelte es sich bei Xenia doch, ohne jeden Zweifel, um eine stinknormale europäische Hauskatze. Wir waren gezwungen die Tigerin in Baden wieder auf die Strasse zu setzen, weil die Eigentümerin das so verlangte und einigermassen glaubhaft machte, dass sie dort von jemandem versorgt wird. Ca. 4 Wochen später erhielt ich einen Anruf von Baden, Xenia war tödlich überfahren worden.......

Negra

Übrigens ist der Hauswirtschaftsraum schon wieder besetzt. Negra ist eine ganz kleine, zierliche schwarze Kätzin. Auch sie ganz mager und 16 Jahre jung. Über ihren Augen liegt ein Grauschleier, trotzdem scheint sie sich noch mit der Restsehkraft gut orientieren zu können, wahrscheinlich aber nicht mehr viel zu hören. Ihr Zuhause hat sie verloren, weil die Frau bei der sie von klein auf gelebt hat, mit der zusammen sie alt geworden ist, in ein Pflegeheim musste. Weder die Tochter, noch irgend jemand sonst aus der Verwandtschaft, wollte oder konnte, wie das meistens der Fall ist, sie nehmen.

Frau V., Vollzeit berufstätig, Halterin von zwei Wohnungskatern mittleren Alters, einer 3 1/2 Zimmerwohnung und einem grossen Herzen für Katzen, konnte es! Als sie von der kleinen, alten Kätzin und deren Schicksal erfuhr, vor allem, dass sie schon drei Wochen lang ganz alleine und verlassen in der leeren Wohnung sass, hat sie Negra zu sich nach Hause geholt. Vor allem wollte sie verhindern, dass sie in irgend einem Tierheim (Tierheime sind in der Regel nicht darauf eingerichtet so alte Tiere auf Dauer aufzunehmen) landete, oder zum „Wanderpokal“ wird. Ganz offensichtlich hat sich Frau V. alle Mühe gegeben. Es ist denkbar, dass es die kleine Kätzin nicht geschafft hat, nachdem sie ihr ganzes Leben in so enger Verbundenheit mit einem Menschen der ihr immer zur Verfügung stand, verbrachte, sich an so ganz andere Gegebenheiten zu gewöhnen. Frau V. hat mich, nachdem sie auf meine Homepage gestossen ist, ziemlich verzweifelt angerufen, sie war mit ihrem Latein am Ende. Sie hat wirklich viel versucht. Negra, die zwei Kater, Frau V., keiner war mehr wirklich entspannt und zufrieden. Am 23.09.2013 kam Negra auf den Katzenhof.

Von der kleinen, schwarzen Kätzin, sie sah so zerbrechlich aus, war ich sofort angetan. Drei Wochen war sie separiert und damit offensichtlich nicht unzufrieden. Manchmal, wenn ich sie beim putzen von A nach B gesetzt habe, war sie noch etwas gereizt, das war alles. Sie hat zum Glück von Anfang an regelmässig gegessen. Die drei Wochen haben ihr geholfen, sich ohne Druck an die ihr fremden, und damit Angst machenden Umgebungsgeräusche, und alles was im Haus passierte und sich ganz anders anhörte, wie in einem normalen Haushalt, vertraut zu machen. Danach fing sie an schritt für Schritt das Haus zu erkunden. Wenn ihr bei ihren Exkursionen, Nouc der Hund, oder die vielen Katzen im Haus aus Versehen zu nahe kamen, wurden sie von ihr mit empörtem Gefauche zurecht gewiesen. Die ihr aber alle, wie ich das jedes Mal, wenn eine alte Katze neu ins Haus kam erstaunt erlebte, mit grossem Respekt und völlig aggressionsfrei begegneten. Das war nach kurzer Zeit alles Geschichte, heute gehört sie dazu und läuft mir, wenn sie nicht gerade auf dem Sofa schläft, auf Schritt und Tritt nach. Trotz dem sie brandmager ist, öffnet sie Türen, springt in der Küche auf jede Arbeitsfläche, auch auf die, die sie eigentlich nicht, auf eventuell Essbares, kontrollieren soll. Menschliches Essen zieht sie sowieso jedem Katzenfertigfutter vor. Da sie nur kleine Portionen isst, muss ich mit ihr unter dem Arm, mehrmals am Tag einen katzenfreien Raum suchen wo sie in Ruhe essen kann.

Das wars von alten Katzen, eine sehr lustige, dritte Geschichte von der 16 Jahre alten Lotta, die aus Italien kam, finden sie auf meiner Homepage www.katzenhof.ch.
Copyright Isabella R. Kern