Die Wettinger Familie


Im Mai 2002 rief mich eine gute Bekannte aus Wettingen an und wollte meinen Rat. Seit etwa einem halben Jahr fütterte sie bei ihrem Büro eine sehr kleine, sehr schlanke, zierliche, blaue (kartäuserfarbige) Kätzin.

Diese verhielt sich extrem scheu und vorsichtig. Regelmässig wartete sie mehrmals täglich unter einem der vor der Firma geparkten Autos auf Futter. Es dauerte Monate, bis sie sich getraute, ihre Deckung aufzugeben und ihr Essen vor der Bürotüre abzuholen. Viel später traute sie sich sogar manchmal bei offen stehender Türe ganz schnell für einen kurzen Augenblick ins Büro.

Meine Bekannte ist eine erfolgreiche Geschäftsfrau, die nie vergessen hat, dass es Menschen und Tiere gibt, welche Hilfe brauchen. Sie kümmert sich um vieles, wo andere lieber wegsehen. So auch um die kleine Kätzin, die ganz offensichtlich kein Zuhause mehr hatte.

Das Gebiet, in dem die kleine Kätzin auftauchte, ist eine gemischt überbaute Wohngegend. Es gibt dort mehrstöckige Wohnblocks, aber auch noch viele Einfamilienhäuschen mit Gärten. "Nuria", so heisst die kleine Blaue jetzt, ist vermutlich von Leuten, die aus einem der Mehrfamilienhäuser weggezogen sind, einfach zurückgelassen worden.

Meine fütternde Bekannte hatte einige Erfahrung mit herrenlosen, hungrigen Katzen. "Nuria" verputzte mittlerweile täglich 6-8 100g Schälchen, Döschen oder Beutel, deshalb wollte sie wissen, was davon zu halten sei. Ich vermutete a) eine starke Verwurmung, b) eventuell einen Wurf kleiner Katzenkinder die sie irgendwo in einem der Gärten versteckt hielt, für die sie viel Futter in Babymilch umsetzen musste.
Tatsächlich erschien sie einige Wochen später mit einem rundlichen, kohlrabenschwarzen Katzenkind im Schlepptau. Der kleine Kerl war genauso vorsichtig und scheu wie seine Mami. Auch er sass lange Zeit unter den Autos, bis er sich endlich einmal bis zum Büroeingang traute.

Es dauerte noch einmal zwei Wochen, bis plötzlich eine zweite, viel kleinere schwarze Katze unter den abgestellten Wagen hin und her huschte. Offensichtlich war sie das zweite Kind und die Tochter der kleinen blauen "Nuria" und noch ängstlicher als der Rest der Familie. Das Büro meiner Bekannten liegt an einer kleinen Strasse, die direkt hinter der Hauptdurchgangsstrasse von Wettingen verläuft. Nicht auszudenken, wenn die Kleinen, erwachsener und neugieriger geworden, auf die Idee gekommen wären, in Richtung Hauptstrasse zu marschieren.

Der Zeitpunkt rückte näher, wo man sich überlegen musste, was mit der kleinen Familie weiter geschehen sollte. Die einzige sich anbietende Möglichkeit hiess damals Tierheim und so zogen Mutter und Sohn "Mogli" am 2.8.02 im Katzenhof ein. "Nurias" schwarze Tochter "Sheradin" (so heisst sie jetzt), kam erst am 9.8.02, weil es wahnsinnig schwierig war, sie einzufangen. Von Mutter, Tochter und Sohn war über lange Zeit gar nichts zu sehen, sie hatten Angst und versteckten sich.

Mit ihren Mitkatzen hatten sie von Anfang an praktisch keinerlei Probleme, nur wenn ich oder andere Menschen auf der Bildfläche erschienen waren sie blitzartig von derselben verschwunden. So ging das über Monate bis zum Winter 2002/03. Ganz langsam veränderte sich die Situation. Die Drei verschwanden nicht mehr, wenn ich den Raum betrat. Mit dem kleinen Kater "Mogli" konnte ich sogar spielen und ihn auch hochnehmen. Mutter "Nuria" schlängelte sich um meine Beine während ich putzte oder fütterte. Auf den Arm nehmen oder streicheln konnte ich sie allerdings noch nicht. Tochter "Sheradin" hatte auf einem grossen Kletterbaum ganz oben in einer Hängematte Posten bezogen. Sie rührte sich nicht solange jemand im Raum war - oft waren nur zwei schwarze Ohrspitzen zu sehen.

Der kleine "Mogli" hatte Glück, am 6.1.03 zog er nach Zürich um. In eine Wohnung mit vernetztem Balkon zu der etwa gleichaltrigen, frechen Siam-Kätzin "Beija", die man in Spanien von der Strasse aufgelesen hatte. Statt ihrer Retterin dankbar zu sein und sich zurückhaltend und bescheiden aufzuführen, hat sie ihre elende Vergangenheit offensichtlich ganz schnell verdrängt und gebärdete sich wie die Prinzessin auf der Erbse; oder die Königin von Saba.

Beinahe wäre "Mogli" zurückgebracht worden, er war in der neuen, fremden Umgebung wieder scheu und schreckhaft. Dann kam der erlösende Brief von Frau G.:

Liebe Frau Kern

Es sind nun schon ein paar Monate her seit der schwarze Kater "Mogli" bei uns wohnt. Nachdem ich sie nach drei Wochen verzweifelt angerufen habe, dass sich das Tierchen bei uns nicht wohl zu fühlen scheint, interessiert es Sie sicher zu vernehmen wie es ihm inzwischen geht.

Wie Sie voraus gesagt haben, hat die Angewöhnung noch ein bisschen länger gedauert. Es hat sich also gelohnt, Geduld zu haben.

"Mogli" geht es nun sehr gut. Er hat sich zu einem ganz tollen Burschen entwickelt. Zwar lässt er sich nicht herumtragen, doch ist er sehr zutraulich geworden. Mit "Beija" versteht er sich ausgezeichnet und manchmal tollen die beiden wild herum und spielen zusammen. "Beija" ist nach wie vor eine kleine Hexe, aber Mogli lässt sich nicht unterkriegen von ihr und zeigt ihr ab und zu den Meister, obwohl er dabei nie grob wird. "Mogli" hat ein wunderschönes glänzendes, seidiges Fell, sodass ich ihn auch Silky-Boy nenne.

Herzliche Grüsse
B.G.

Mutter "Nuria" und Tochter "Sheradin" lebten weiter in ihrer Gruppe auf dem Katzenhof. "Nuria" wurde immer zutraulicher, während des Essens konnte ich sie jetzt streicheln, "Sheradin" jedoch blieb auf ihrem Hochsitz unnahbar. Eines Tages sass sie dann in einem grossen blauen Stoffschuh, der von den Katzenartikel-Herstellern, zur Schlafhöhle umfunktioniert, verkauft wird, auf normaler Tischhöhe. Selbst wenn man dicht an ihr vorbeiging, rührte sie sich nicht vom Fleck, nur ihre zusammengekauerte, angespannte Haltung und ihre angstvoll aufgerissenen Augen zeigten, welche Anstrengung es sie jedesmal kostete, nicht aufzuspringen und davonzulaufen.
Ich war natürlich glücklich, dass sie offensichtlich ganz langsam begonnen hatte, ihre Angst vor Menschen zu überwinden. Frau Brantschen - sie gestaltet meine Homepage - war bei einem Besuch genauso überrascht, dass "Sheradin" unten war und fotografierte sie.

Samstags hilft mir eine junge Frau Béatrice H., so auch an einem Samstag Ende Mai. Sie hatte am Morgen die Putzarbeit in den Räumlichkeiten übernommen, wo die Wettinger Katzen und ihre Gruppe wohnten. Ich putzte in einem anderen Teil und Stockwerk des Hauses. Als wir uns zum Mittagessen trafen, grinste sie mich eigenartig an. Natürlich fragte ich sie nach einer Weile, was das Gegrinse solle, ihre Antwort war, ich solle nicht so tun, hätte ihr das doch sagen können usw. Ich verstand nur Bahnhof und fragte sie noch einmal, langsam ungehalten, ob sie mir nicht endlich mal erklären könne, was das ganze Getue bedeuten solle. Erstaunt und ungläubig sah sie mich nun ihrerseits an und fragte, ob ich denn wirklich nichts wisse. Meine genervte Rückfrage war nur, was ich denn ihrer Meinung nach wissen solle. Sie hatte entdeckt, dass "Sheradin" nicht in dem grossen Schuh sass, weil sie zutraulicher geworden war, sondern in der Spitze des Schuhes Babies versteckt hielt. Ich war einfach sprachlos, zumal wir dann herausfanden, dass die Kleinen ganz offensichtlich schon etwa zwei Wochen, hinter ihrer Mutter versteckt, in der Schuhspitze lebten!

Als nächstes wurde ich erst einmal wütend auf mich und Gott und die Welt. Das fehlte gerade noch, dass mir so etwas passierte nach über vierzig Jahren Tierschutzarbeit - dass in meinem Tierheim eine Kätzin Junge bekommt, als gäbe es nicht schon genug herrenlose Katzen, als hätte ich nicht schon genug Tiere, die auf Vermittlung warteten! Vor lauter Schufterei rund um die Uhr sowie dadurch, dass "Sheradin" ewig nur dort oben auf ihrem Kletterbaum sass, hatte ich einfach nicht mehr daran gedacht, dass sie noch nicht kastriert war. Ich hatte noch nicht einmal daran gedacht, als ich einige Wochen zuvor den letzten jungen Kater, vermutlich der Vater von "Sheradins" Kindern, aus der Gruppe hatte kastrieren lassen. Wie viele Kleine sie da in der Schuhspitze versteckt hielt, konnten wir vorerst nicht feststellen, weil sie uns ja nach wie vor nicht an sich heran liess.

Als ich der Webmasterin Frau Brantschen die Geschichte am Telefon erzählte, lachte sie und sagte, sie habe sowieso vorgehabt, mich zu besuchen, weil sie etwas entdeckt hätte. Ich solle mir doch das Foto, welches sie einige Wochen vorher von "Sheradin" im blauen Schuh gemacht hatte, einmal ganz genau ansehen. Das Foto hatten wir alle in den Händen gehabt, es war seit einiger Zeit auf der Homepage, aber niemandem war aufgefallen, dass unter der schwarzen "Sheradin" zwei kleine, dünne, ebenfalls schwarze Beinchen hervorguckten.



Katzen sind im Regelfall Supermütter, "Sheradin" leider nicht. Ich musste mich immer wieder um die Kleinen kümmern, hatte sogar das Gefühl, dass sie mir nur zugerne die Verantwortung für ihre "Brut" überliess. Vermutlich war sie noch zu jung, ausserdem stand sie wegen ihrer Angst vor Menschen dauernd unter Stress. Sie hatte reichlich Möglichkeiten sich mit ihren Kindern in Verstecke, die ich ihr baute, zurückzuziehen, liess die Kleinen aber dauernd alleine offen irgendwo liegen und säugte sie auch nicht regelmässig genug. Aber irgendwann war auch das überstanden und ich hatte vorübergehend wieder etwas weniger Arbeit und Druck.

Eigenartig fand ich, dass sich "Nuria" überhaupt nicht für ihre Enkel interessierte. Allerdings habe ich nicht besonders viel Erfahrung mit Katzenmüttern und ihren Kindern. Meine Intention ist seit vierzig Jahren zu verhindern, dass Katzen Junge bekommen, weil wir immer noch zuviel herrenlose Katzen haben, die Plätze brauchen. Zwar hat sich die Situation in der Schweiz und anderen nordeuropäischen Ländern in den letzten dreissig Jahren dauernd verbessert. Dank der Tierheime, Tierschutzvereine, Tierärzte und der Medien ist irrsinnig viel an Aufklärungsarbeit geleistet worden.

Schlimm sieht es nach wie vor in allen südeuropäischen Ländern aus, die überhaupt nicht daran denken, zu kastrieren, obwohl auch dort der Tierschutz unermüdlich mit grossem Einsatz versucht, ein Umdenken herbeizuführen. Der Stellenwert von Katzen ist in diesen Ländern immer noch auf dem Stand und schlimmer, wie bei uns vor dreissig Jahren. Noch trauriger ist die Situation in den ehemaligen Ostblockstaaten, dort haben die Menschen ja selbst nichts und erst recht kein Geld für eine Kastration.

Nach etwa eineinhalb Jahren hat die kleine, blaue "Nuria" jetzt auch Glück. Obwohl sie sich gegen Fremde immer noch sperrig und scheu zeigt, hat sie ab Januar 2004 einen Platz! Dort sind noch drei andere Katzen aber auch Haus & Garten, was bedeutet, dass man sich aus dem Weg gehen kann. Man wird ihr ein Zimmer mit provisorischer Gittertür für den Anfang zuweisen, damit sich die Tiere mit den älteren Rechten und "Nuria" von beiden Seiten des Gitters mit der neuen Situation vertraut machen und sich ganz langsam kennenlernen können.

Ihren neuen Leuten, einem kinderlosen Ehepaar, ist es hoch anzurechnen, dass sie "Nuria" zu sich nehmen, denn sie hat sich, als sie hier waren um sie kennenzulernen, von ihrer schlechtesten - besser gesagt scheuesten - Seite gezeigt. Sie hat sie sogar angefaucht und mit erhobener Pfote signalisiert, dass sie ihr ja nicht zu nahe kommen sollen. Ihre neuen Leute sind sich dessen bewusst, dass sie eventuell für eine längere Zeit eine vierte Katze haben werden, die sie zwar füttern aber nicht anfassen dürfen. Da es sich bei "Nuria" mit absoluter Sicherheit um keine verwilderte Hauskatze, sondern um ein durch die Umstände misstrauisch und vorsichtig gewordenes Tier handelt, ist es nur eine Frage der Zeit, dass sie wieder zu einer völlig angepassten Schmusekatze wird.
"Sheradin" wird sicher noch lange im Katzenhof bleiben müssen, weil sie als sehr scheue Katze kaum eine Chance auf Vermittlung hat.


Copyright Isabella R. Kern