Venezia - Fast nicht zu glauben, aber wahr!

Am 16.10.2010 hatte ich eine Gruppe junger Tiere auf dem Katzenhof aufgenommen. Sie waren alle plus/minus 4 ½ Monate alt. Fast alle, bei Katzen möglichen, Farben und Zeichnungen waren vertreten. Anfänglich waren sie vollauf damit beschäftigt sich neugierig alles anzusehen, sich in der neuen Umgebung einzugewöhnen. Gewöhnen mussten sie sich auch an die ihnen fremden Umgebungsgeräusche, im und ums Haus. Einquartiert habe ich die Kleinen in einem besonders grossen Raum im Untergeschoss, der sehr viele Möglichkeiten zum Klettern, zum Verstecken und sonstigen Spielen bietet. Besonders begeisterte sie die Länge von 15 Metern des Zimmers, die sie immer wieder zu wilden Verfolgungsjagden und Wettrennen nutzten. Einige von ihnen konnte ich noch vor Ende des Jahres, pärchenweise, an gute Plätze abgeben. Mittlerweile war es draussen winterlich kalt geworden. Aus den kleinen Kätzchen waren ca. 6 Monate alte Halbstarke geworden. Die Tests, Impfungen, Wurmkuren usw. hatten sie hinter sich, es fehlte nur noch die Kastration. Ich sah keinen Grund zu besonderer Eile.

1. Haben Katzen, in der Regel, in den Wintermonaten keine sexuellen Ambitionen.
2. Waren alle Katzen dieser Gruppe eher kleinwüchsig und zierlich.
3. War ich überzeugt davon, dass ich es merken würde, wenn da etwas „im Busch“ wäre.

Offensichtlich eine Selbstüberschätzung, wie sich bald zeigen sollte. Ich war täglich relativ viel mit ihnen beim Putzen und Füttern zusammen. Und wenn ich irgendwie ein bisschen Zeit erübrigen konnte, sass ich bei ihnen und freute mich an ihren Aktivitäten und ihren Verrücktheiten. Sie waren übermütige halbstarke Kindsköpfe, die keinerlei Anstalten machten, bzw. erkennen liessen, dass sie an etwas Anderem als miteinander zu spielen, zu balgen und zu schmusen interessiert sein könnten. Ich hatte alle bereits für das Frühjahr 2011 zur Kastration beim Tierarzt angemeldet. Als mir irgendwann auffiel, dass eine kleine Schildpatt-Kätzin einen deutlich dickeren Bauch, als die Anderen, hatte. Die Halbstarken waren zwar alle entwurmt, was aber nicht zwangsläufig hiess, dass es unmöglich war, dass ein Wurm oder eher ein Wurmei die Entwurmungsprozedur unbeschadet überstanden haben konnte. Also machte ich mit der kleinen Schildpatt, zur Sicherheit, noch eine Wurmkur. Sie wurde danach allerdings nicht schlanker sonder eher im Gegenteil, rund und runder. Als mir klar wurde was das bedeutete, wollte und konnte ich es einfach nicht glauben, sie war doch so klein und zerbrechlich. Dazu kam, dass die einzigen zwei Kater der Gruppe, ein brauner und ein blaugrauer Tiger zwar nicht zerbrechlich, aber auch ausgesprochen klein waren. Zum abgesprochenen Kastrationstermin nahm ich die kleine, hübsche Schildpatt-Kätzin mit. Sie war so kugelrund, dass ein Abbruch aus meiner Sicht nicht mehr in Frage kam. Trotzdem wollte ich die Meinung der Tierärztin hören. Sie gab mir recht, auch aus ihrer Sicht war die Trächtigkeit schon zu weit fortgeschritten, um die Katze zu kastrieren. Die Tierärztin untersuchte Venezia, so habe ich die kleine Kätzin genannt, noch sorgfältig und gründlich. Es war alles in Ordnung mit ihr und so konnte sie ihren Transportkorb für die Heimfahrt besteigen. Die Anderen blieben und wurden kastriert. Selbstverständlich rätselte ich, wann Venezias Kinder wohl kommen würden. Anhaltspunkte ausser dem dicken Bauch, der als Indikator allerdings kaum geeignet, weil zu ungenau, hatte ich nicht.

Normalerweise werden Kätzinnen rollig. Sie rollen sich mit viel sehnsüchtigem und klagendem Miauen auf dem Boden herum, strecken zwischendurch, vor allem wenn man sie streichelt, ihr Hinterteil und Schwanz in die Höhe und andere Verrücktheiten. Am unangenehmsten ist es, wenn sie ihre Umgebung markieren. Innerhalb kürzester Zeit stehen die Kater, von denen man gar nicht wusste, dass sie in solchen Mengen in der Umgebung existieren, Schlange. Die dann ihrerseits mit einem ganz übel stinkendem Sekret ums Haus und im Garten markieren, sich untereinander prügeln und dabei Lärmen und Jaulen, dass es kaum auszuhalten ist. Venezia hat nichts von alledem veranstaltet. Sie hatte das gar nicht nötig, schliesslich hatte sie ja zwei, ebenfalls noch unkastrierte „Kollegen“ im Haus. Mir blieb nichts anderes übrig, als abzuwarten und schon mal einen Raum für Mutter und Kinder vorzubereiten. Eines Morgens war es dann soweit. Genau so heimlich und diskret, wie sich Venezia hatte schwängern lassen, brachte sie ganz alleine, in der Nacht, 7 winzige Katzenbabys auf die Welt. Ein Kind war tot, alle Anderen lagen sauber geputzt auf ebenfalls sauberen Tüchern. Keine Nachgeburt, keine verbluteten Unterlagen in der von mir bereit gestellten Wurfkiste. Ich war sprachlos, alles blitzblank und ordentlich. In Mitten ihrer kleinen Würmchen lag eine, zufrieden vor sich hin schnurrende, Katzenmami. Sie schien mir ziemlich stolz darauf zu sein, was sie da mit einer solchen Perfektion vollbracht hatte. Ich war auch enorm stolz auf diese kleine, maximal 7 1/2 Monate alte Mutti! Normalerweise bringt eine junge Katze beim ersten Wurf, zwei bis drei Katzenkinder auf die Welt.

Am nächsten Tag lag ein zweites Kleines tot da. Ich war überhaupt nicht traurig über den Tod der zwei Kleinen, hatte im Gegenteil das Gefühl, dass alles so richtig war wie es war. 5 Kinder für so eine kleine Kätzin, die selbst noch ein Kind ist, waren mehr als ausreichend. Die grösste Überraschung war dann aber, dass alle weiss, dachte ich erst, als ich jedoch genauer hinsah, beige waren. Mit einer Ausnahme, ein Kleines war rot. Wahrscheinlich ein kleiner Kater. So war es dann auch, die Anderen waren Mädchen. Es dauerte nicht lange, da konnte ich wieder nur staunend in die Kinderstube gucken. Alle beigen Kinder bekamen langsam dunkle Ohren, die Schwänzchen wurden ebenfalls dunkel, die kleinen Beinchen und die winzigen Gesichter auch. Es gab keinen Zweifel, Venezia hatte Siam-Mischlinge zur Welt gebracht. Die Frage war nur, woher sie die hatte. Kein einziges der Tiere war je draussen. Als Väter kamen also nur die zwei kleinen Kater aus der Gruppe in Frage. Aber die waren, wie die Mutter, von Farbe und Körperbau einwandfrei normale, europäische Hauskatzen.

Eigentlich war es ja egal wo sie herkamen. Wichtig war, dass sie sich prächtig entwickelten und von der kleinen Venezia vorbildlich versorgt und betreut wurden. Und dann gab es schon wieder eine Überraschung. Zwei der kleinen Katzen haben kurzes Haar. Die restlichen Drei wurden immer flauschiger, es waren sogenannte Halbangora. Alle Fünf haben die typischen blauen Augen der Siam. Ich habe eine sehr gute Kollegin, die sich im Tessin um herrenlose Katzen kümmert. Ich glaube es war Anfang September 2011 als sie mich anrief. Sie brauchte für 5 Kinder einer eingefangenen, verwilderten Kätzin, dringend einen Platz. Die Kleinen waren gross genug, um sie von der Mutter zu trennen. Die ihrerseits kastriert, getestet, gechipt und geimpft in ihrer angestammten Kolonie wieder ausgesetzt wird. Auch diese Mutter, eine normale, europäische Hauskatze, hatte 5 Siam-Mischlinge auf die Welt gebracht. Nur kann man in diesem Fall davon ausgehen, dass es im Tessin sicher den einen oder anderen unkastrierten, freilaufenden Siam-Kater gibt. Einem von ihnen war die verwilderte Kätzin wohl begegnet. Wieder einmal blieb mir nicht wirklich eine Wahl. Am 18. Oktober 2011 zogen noch einmal 5 kleine Siam-Mischlinge auf dem Katzenhof ein. Ich hoffe, es spricht sich nicht herum, dass es in Boppelsen eine Auffangstation für Siam gibt.

Copyright Isabella R. Kern