Tsunami & Taifun



Zwei liebenswerte Rabauken

Ein Hauptauswahlkriterium, ob man ein Katze/Kater als Wohnungskatze halten kann, ist normalerweise ihr Temperament und ihr Bewegungsdrang. Das heisst, man wird als Wohnungskatzen die Tiere bevorzugen, die gemütlich, ausgeglichen, angepasst und eher ruhig sind. Mit der Geschichte von Tsunami + Taifun möchte ich zeigen, dass es bei Regeln auch immer wieder Ausnahmen gibt.

Wieder einmal war ich, wie so oft, am Telefon. Eine Frau suchte zu ihrem schon vorhandenen, zwei Jahre alten Wohnungskater eine Kätzin. Es schepperte, es hörte sich wie ein herabgestürzter Topf mit Deckel, oder ähnliches an. Als ich noch überlegte wo und was die zwei Rabauken diesmal wieder angestellt hatten, fiel mir blitzartig ein, dass ich in der Küche, kurz vorher eine Glasschüssel mit frischem Hackfleisch für die elf kleinsten Katzenkinder im Haus, aus dem Kühlschrank genommen und auf die Arbeitsfläche gestellt hatte. Ich entschuldigte mich bei meiner Gesprächspartnerin, um in der Küche zu retten was evtl. noch zu retten war. Zum Glück war wenigstens in der Küche nichts passiert.
Durch die Hanglage meines Grundstücks befindet sich hinter meinem Haus ein, von meinen Tieren und mir sehr geliebter, idyllischer Hof. Kurze Zeit später betrat ich diesen. Ich wollte einen Topf mit einem Rest Kartoffelpüree, vom Vortrag, von dort holen und mir daraus mein Mittagessen zusammenbasteln. In den Wintermonaten benutze ich den Hof oft als zusätzlichen Kühlschrank. Der Chromstahltopf lag, mit der Öffnung nach unten, auf dem Boden. Das Kartoffelpüree klebte auf den Beton- und Verbundsteinen im Dreck. Cyrus, mein grosser Hund, war nicht böse, dass es für ihn statt dem üblichen Hundefutter, an diesem Tag angeschmutzten Kartoffelbrei mit Wurst gab. Mir war der Verlust des Kartoffelpürees jedenfalls lieber als der einer grossen Menge durch Glassplitter unbrauchbar gewordenem, teurem Gehackten. Tsunami und Taifun sind mit zwei weiteren Geschwistern am 15.05.2007 auf den Katzenhof gekommen. Von Anfang an machten sie das Haus unsicher und mischten aus Jux und Dollerei ihre Mitkatzen auf. Sie strapazierten vom Morgen bis zum Abend unserer aller Nerven. Wenn über sie gesprochen wurde, sprachen wir nur noch von der "Viererbande". Nach einiger Zeit kristallisierte sich heraus, dass zwei der Tiere sich weniger frech, ganz eindeutig gesitteter benahmen. Ich war nicht erstaunt, als sich herausstellte, dass es sich nicht, wie ich auf Grund ihres Benehmens angenommen hatte, um 4 Kater sondern zwei Kätzinnen und zwei Kater handelte. Für die zwei Mädchen war relativ schnell ein guter Platz gefunden. Die zwei wunderhübschen, verschmusten Tigerkater halten mich weiter auf Trab. Mir war schnell klar, dass ich die Beiden noch ziemlich lange würde behalten müssen. Wenigstens bis sie aus ihrem Flegelalter heraus und hier gelernt hätten sich etwas zivilisierter zu benehmen. Ich war davon ausgegangen, dass ich mit meinem grossen, verwilderten Garten über die besten Voraussetzungen dafür verfüge. Der Garten von 4'000 qm bietet Katzen wirklich alle Möglichkeiten sich katzengerecht auszutoben.
Womit ich trotz meiner über vierzigjährigen Katzenerfahrung überhaupt nicht gerechnet hatte, dass die zwei jungen Wilden an der grossen Freiheit wenig bis gar kein Interesse haben. Von dem Moment an, wo ich sie mit viel List und Einfallsreichtum, morgens nach dem Frühstück, dazu bringe in den Garten zu gehen, setzen sie ihrerseits alles daran wieder ins Haus zu kommen. In jedem Zimmer und jedem Stockwerk des Hauses in dem ich mich aufhalte, meine Arbeit erledige sind sie sofort zur Stelle, sitzen aussen auf dem Fensterbrett und miauen mir die Ohren voll, dass ich sie wieder herein lasse. Nach einiger Zeit bin ich mürbe und öffne ihnen das Fenster. Fast jede andere Katze würde damit zufrieden sein ihren Kopf durchgesetzt zu haben, und sich einen gemütlichen Platz zum schlafen oder dösen suchen. Die zwei sind weit davon entfernt so etwas Normales zu tun. Als erstes kontrollieren sie in Windeseile die komplette Küche und stehlen was nicht niet- und nagelfest ist. Danach werden sämtliche Fütterplätze der übrigen Katzen und Cyrus grosse Hundeschüssel überprüft. Wenn die Aktion erfolglos verlaufen ist, ärgern sie die in ihren Körbchen oder auf ihren Kissen schlafenden Katzen. Wenn sie ganz gut drauf sind provozieren sie die älteren Kater im Haus. Ab und zu habe ich sie unten ins Haus gelassen. Dort wohnen die meisten Katzen die auf ihre Vermittlung warten. Mit dieser Gruppe hatten sie, nach ihrer Ankunft in Boppelsen, zwei Monate zum Eingewöhnen, zusammen gelebt. Schon damals waren sie mit ihrem Temperament und Übermut ein Störfaktor. Von ihrem neuerlichen Auftauchen war kein Tier begeistert, sie wollten mit den Beiden nichts mehr zu tun haben. Anouk eine eher klein wüchsige, zierliche Kätzin rastet bei dem Anblick der beiden Kater jedes Mal regelrecht aus. Trotzdem die Kater viel grösser und stärker sind wird der erste der ihr in die Quere kommt verfolgt und bedroht. Dann stürzt sie sich schreiend auf den ruhig dahockenden, leicht irritierten Kater und verprügelt ihn nach Strich und Faden. Die Kater schreien und jaulen dann ihrerseits grauenhaft, prügeln aber nicht zurück sondern wehren die völlig ausgeflippte Anouk nur, so gut sie können, ab. Es sind einfach zwei ganz liebe Wilde. Taifun + Tsunami haben hinter der Küche einen eigenen Raum, wo ich sie füttere und sie nachts schlafen. Meistens lasse ich sie gegen Mittag, je nach Wetter früher oder später, dort wieder ins Haus. Leider sind sie damit auch nicht zufrieden. Nach kurzer Zeit stimmen sie ein Miau-Konzert an. Sie wollen mitten drin sein, vor allem da wo ich bin. Was aus vorher geschilderten Gründen vorläufig noch nicht möglich ist. Wenn es bei Tsunami + Taifun Essen gibt, kann man das beim besten Willen nur als Raubtierfütterung bezeichnen. Trotzdem jeder Kater seinen Futterteller, auf einer von zwei über Eck montierten Tischplatten bekommt, stürzen sie sich prinzipiell zu zweit auf einen Teller. Einer zieht, mit der Pfote, dem anderen den Teller unter der Nase weg, wenn nicht der andere vorsichtshalber schon mit beiden Vorderbeinen im Teller mitten im Trockenfutter steht. Nachdem jeder in fliegender Eile alles was er erwischen konnte in sich hinein geschlungen hat, besinnt sich meistens einer der Beiden, dass auf dem zweiten Tischteil die ganze Zeit ein mit dem gleichen Futter gefüllter Teller völlig unberührt steht.
Dann schlingt der am ersten Teller gebliebene, schnell noch den Rest vom Teller Nr. 1 in sich hinein und der Kampf ums Futter geht am zweiten Teller in die nächste Runde. Das muss man wirklich einmal miterlebt haben. Dabei gehen sie sonst ausgesprochen zärtlich, liebevoll und kameradschaftlich miteinander um, überall, auch im Garten sieht man sie nur im Doppelpack. Ich bin absolut überzeugt davon, dass man sie trotz ihres Temperamentes in einer Wohnung mit Balkon halten könnte, man braucht nur ein bisschen Humor und gute Nerven. Toll wäre es, wenn in dieser Wohnung zwei nicht zu kleine Kinder wohnen würden, die mit den beiden Katern toben, spielen und schmusen würden. Selbstverständlich wären sie auch bei Menschen mit Haus und Garten, schon wegen ihrer ausgeprägten Häuslichkeit, gut aufgehoben. Auch dort am besten mit grösseren Kindern. Beiden fehlt bei aller Wildheit jede Aggressivität, sie sind einfach nur lieb. Tsunami + Taifun sind jetzt zwei Jahre alt, man kann davon ausgehen, dass ihr überschäumendes Temperament im nächsten Jahr allmählich in eine ruhigere Phase übergeht!

Copyright Isabella R. Kern