Sokrates, Shireen & Emineé

Nachstehend möchte ich Ihnen gerne einige Geschichten und Schicksale erzählen, die ich mit meinen Katzen erlebt habe.

Da ist zum Beispiel SOKRATES: Laut seinem letzten Besitzer, der nach Griechenland übersiedelte, ist der weiss/rote Kater 12 Jahre alt! Sokrates ist von klein an eine Wohnungskatze und war weder geimpft noch hatte er einen Leukosetest. Der Kater hatte nach allen Seiten abstehendes Fell, war mager, knochig und hatte das eingefallene Gesicht einer ziemlich alten Katze. Es wäre nicht das erste Mal, dass man eine abgeschobene Katze jünger macht als sie ist. Er hat traurige Augen, Zahnstein an den hinteren Zähnen, dicker als die Zähne selbst und eine erbsengrosse Geschwulst an der rechten Halsseite. Vom ersten Tag hat er alles Gegessene wieder erbrochen. Mehrmalige Tierarztbesuche, Urinuntersuchung, Blutstatus, wiederholtes Röntgen erbrachten keinen Befund. Natürlich besteht auch die Möglichkeit, dass die Ursache psychischer Natur sein könnten. Aber auch dafür gab es keine überzeugenden Anhaltspunkte.
Nach 38 Jahren Betreuung und Vermittlung herrenloser Katzen jeder Herkunft und jeden Alters entwickelt man eine besondere Sensibilität, fühlt und denkt wie eine Katze, erfasst den Gemüts- und Gesundheitszustand mit einer Art siebtem Sinn. Von Anfang an war ich sicher, dass Sokrates krank ist. Ich habe ihn homöopathisch gegen das Erbrechen behandelt und hatte Glück. Nach zwei Wochen hat das Erbrechen aufgehört. Sein Fell ist dichter und anliegender geworden. Er isst regelmässig, aber er nimmt seit Wochen kein Gramm zu. Am Tag darf er in den Garten. Zum ersten Mal in seinem Leben riecht er Erde, fühlt Gras unter seinen Pfoten, döst in der Sonne, beobachtet das Weghuschen von Blindschleichen und Eidechsen. Es scheint ihm zu gefallen, seine Augen scheinen nicht mehr traurig. Manchmal macht er fast einen fröhlichen Eindruck. Ab und zu schnurrt er sogar laut vor sich hin. Die erwachsenen Kinder von Sokrates Vorbesitzern, die mit Sokrates aufgewachsen sind, leben alle verheiratet im Raum Zürich. Keiner wollte ihn.


SHIREEN: Das ist eine ganz zärtliche Tigerkätzin mit einem hübschen, kleinen Gesicht und grossen, ausdrucksvollen Augen. Wahrscheinlich kam sie schon einmal aus einem Tierheim. Sie hat mit einem älteren, sehr zurückgezogen lebenden Mann und einer Siamkätzin als Wohnungskatze gelebt. Den alten Herrn hat man ins Spital gebracht, wo er kurz darauf starb. So war Shireen zum zweiten Mal herrenlos. Drei Wochen hat sie ein kleines Mädchen in der Wohnung gefüttert, bis sie mir gebracht worden ist.
Fast eine Woche hat sie nichts gegessen, dann ging es langsam bergauf. Vor allem musste auch bei ihr ein Leukosetest gemacht werden und alle Impfungen, weil keinerlei Unterlagen zu finden waren. Jetzt, nach drei Wochen, ist sie lieb und zutraulich und schnurrt wie ein Weltmeister. Seit drei Tagen darf sie am Tag in meinen grossen, verwilderten Garten. Wahrscheinlich ist das für sie das erste Mal in ihrem Leben. Es scheint ihr sehr zu gefallen. Sie ist sehr sozial, kommt mit allen Katzen gut aus. Shireen ist fünf Jahre alt und ich werde sicher bald einen neuen Platz für sie finden.


EMINÉE: Das ist auch so eine traurige Geschichte. Angeblich ist Eminée einer Frau im Aargau vor drei Jahren zugelaufen. Sie ist eine kleingewachsene Tigerkätzin mit einem schönen Gesicht, ca. fünf Jahre alt. Ohne Angaben von Gründen wurde sie bei einem Tierarzt in Baden zum Töten abgegeben. Die Frau könne die Katze nicht mehr haben. Mir wurde sie von der Praxis als kastriert übergeben. Sie war sehr scheu und verstört. Ich habe sie machen lassen und sie nicht bedrängt. Sie hat sich viel versteckt. Als sie sich endlich mehr zeigte und anfassen liess, stellte ich nicht unbedingt erfreut fest, dass sie hochträchtig war. Sie hat jetzt vier kleine Katzenkinder alle getigert wie Eminée, aber nicht wie sie in der normalen Tigerfarbe, sondern dunkelsilbergrau mit schwarzer Zeichnung. Es sind drei Kater und eine kleine Kätzin. Sie sind vorsichtig wie ihre Mami und entwickeln sich dank ihrer Führsorge gut. Das heisst im Klartext, ich brauche nicht einen Platz, sondern fünf katzenfreundliche Familien!


So leben die Drei heute

SOKRATES ist am 11.2.97 zur Weitervermittlung auf den Katzenhof gekommen. Endlich, nach einem Jahr, am 17.2.98, hat Sokrates Glück gehabt. Eine junge, hübsche Frau, von Beruf Zoo-Tierpflegerin, hat sich gemeldet und suchte für sich zu Hause ein eigenes Tier. Sie kam, sah Sokrates und er siegte. Man könnte fast sagen, es war bei beiden Liebe auf den ersten Blick. Als die junge Dame dann noch seine Geschichte hörte, stand für sie fest: Dieses Tier soll es die restlichen Jahre seines Lebens, so richtig schön bei ihr haben. Sokrates ist jetzt zwar wieder Wohnungskatze, hat bei ihr erstaunlicherweise aber nie erbrochen und ist kontinuierlich runder und runder geworden.

SHIREEN war gute zwei Monate auf dem Katzenhof. Sie ist dann mit "Harlekina" einer etwas jüngeren Kätzin zu einer jungen, berufstätigen Frau gekommen. Im Katzenhof haben sich beide Tiere sehr sozial verhalten. Leider nicht mehr in privater Umgebung. "Harlekina", dieser Kobold, hat angefangen Shireen ganz ekelhaft zu provozieren. Das ging so weit, dass Shireen nur noch Angst vor ihr hatte und so mussten sie getrennt werden.
Gerade habe ich erfahren, dass Shireen vor einer Woche ganz gegen ihre sonstige Gewohnheit miauend an der Wohnungstür gekratzt hat. Vorsichtig hat Shireens Frauchen die Tür einen Spalt geöffnet, aber sofort wieder geschlossen. Auf der Fussmatte vor der Tür sass ein grosser, roter Kater. Shireen jedoch gab keine Ruhe. Also faste sich ihr Mensch ein Herz und zeigte dem Kater, dass er willkommen sei. Der liess sich das nicht zweimal sagen spazierte herein und inspizierte gründlich und genau, wie Katzen nun einmal sind, die ganze Wohnung. Shireen zeigte sich total einverstanden. Es sah bei beiden Tieren nach Liebe und sagen wir Sympathie auf den ersten Blick aus. "Leider" hat der Kater eine Besitzerin, die momentan jedoch massive persönliche Probleme hat. Vielleicht hat Shireen Glück und der rote Kater darf zu ihr zügeln (umziehen)!

EMINÉE ist am 26.2.97 auf den Katzenhof gekommen und am 30.4.98 zur Familie M. mit grosser Wohnung und Auslauf umgezogen. Frau M. ist alleinerziehende Mutter mit zwei grösseren Töchtern, die unheimlich liebevoll miteinander umgehen. Auffallend war, dass sich Franziska, die kleinere der beiden Töchter, ausdrücklich und ganz klar für Eminée entschieden hat. Dies, trotz meiner Warnung, dass es sich bei Eminée um eine ausgesprochen vorsichtige und zurückhaltende Kätzin handelt und die Familie damit rechnen müsse, dass sich Eminée, vielleicht sogar für längere Zeit, in der neuen Umgebung verkriechen würde.
Erstaunlicher- und erfreulicherweise hat sich Eminée sehr schnell eingelebt und sich als sehr zärtliche, schmusige und anhängliche Katze entpuppt. Mich hat nicht nur gefreut, dass Franziska mir ein ganz süsses Bild von Eminée gemalt und einen niedlichen Brief geschrieben hat, sondern auch, dass ich Mutter und Töchter immer wieder mal beim Einkaufen treffe und auf diese Weise über Eminée und ihre "Familie" auf dem Laufenden gehalten werde. Letzte Information vom Juni: Eminée verkehrt bei Nachbarn und Nachbarskatzen und wird dort nicht nur geduldet, sondern man freut sich sogar über ihre Besuche.

Copyright Isabella R. Kern