Piccola (die Kleine), Piccolina oder Piccolinchen

Ich habe sie allerdings lange meine kleine, freche Ratte genannt. Sie war, die Betonung liegt auf war, klein, zierlich, getigert. Das Hübscheste ist, ihr kleines, freches Katzengesicht, mit zwei grossen, neugierigen Kulleraugen.

Zwischenzeitlich hat sie sich ein kleines Bäuchlein angegessen und ist auch sonst zu einer Kätzin in fast normaler Grösse heran gewachsen. Mit ihren Dummheiten, Diebestouren in der Küche und sonstigem Unsinn hält sie mich aber immer noch täglich auf Trab. 2014 kam sie aus Italien mit neun Mitkatzen, alle zwischen 7 und 10 Wochen alt, auf den Katzenhof. Sie war die Kleinste, schien sich aber in der Gruppe problemlos zu behaupten. Nach einiger Zeit hatte ich den Eindruck, als käme sie beim Futter etwas zu kurz. Deshalb durfte sie zu mir, Nouc (dem Hund) und den älteren und alten Katzen in den Küchen- und Wohnbereich des Hauses umziehen. Das mache ich mit besonders kleinen, geschwächten oder in irgendeiner Form verhaltensauffälligen Tieren immer so. In dem Gewusel von zehn kleinen Katzen wäre die Gefahr zu gross, dass ich womöglich etwas übersehe.

Hausgeräusche in und ums Haus, Gerüche und meine Person, alles war ihr gleich vertraut. So hielt sich der Stress für die kleine Kätzin, beim Wechsel von einer Etage in die andere, in Grenzen. Sie ging sehr vorsichtig vor, erschloss sich, könnte man sagen, Schritt für Schritt hier oben die neue Umgebung. Schon nach einigen Tagen versuchte sie die Kontaktaufnahme zu den älteren Katzen. Mit unterschiedlichem Erfolg. Die meisten wollten ihre Ruhe haben und gaben ihr das durch genervtes, ärgerliches Fauchen unmissverständlich zu verstehen. Dann zog sie sich, nicht sonderlich beeindruckt, zurück und versuchte es am nächsten Tag wieder. Nouc der Hund nahm ihre Annäherungsversuche einfach nur zur Kenntnis. Mir gegenüber war sie eher zurückhaltend. Wenn ich sie hochnehmen wollte, war sie sperrig, zappelig, fast kratzbürstig. Ein bisschen geärgert hat mich das schon. Aber was solls, Katzen sind wie sie sind. Sie brauchen Zeit und immer wieder Zeit sich an unsere Hektik und an uns Menschen zu gewöhnen, uns zu vertrauen. Heute ist sie die anhänglichste, verschmusteste Katze die man sich nur wünschen kann, aber frech mit einem enormen Dickschädel, den sie immer wieder versucht durchzusetzen. Kein Fenster, keine Tür darf angelehnt oder gar offen bleiben. Piccola sorgt für dauernde Aufregung, weil ich nie weiss wohin sie nun schon wieder verschwunden ist. An der hinteren Wand des Wohnbereiches steht eine alte Getreidetruhe. Eine Holzwand trennt sie innen in zwei Teile. Ich habe zwei Eingangslöcher in die Vorderfront sägen lassen und mir vorgestellt, dass meine Katzen von den zwei höhlenartigen Verstecken Gebrauch machen würden. Denkste, seit Jahren sitzen sie viel und gerne auf der Truhe aber nicht drin.

Spät abends, wieder einmal auf der Suche nach Piccola, traute ich meinen Augen nicht. Aus dem einen der zwei Löcher der Truhe waren ein halber, kleiner, getigerter Katzenkopf, ein Ohr und eine ebenfalls getigerte Pfote zu sehen. Keine Ahnung wie lange sie dort schon seelenruhig, völlig unberührt von meiner Aufregung, schlief. Ein anderes Mal thronte sie, ich war schon wieder verzweifelt auf der Suche nach ihr, auf einem Regal ganz oben unter der Balkendecke. Dass sie mich dauernd auf Trab hält ist das eine, sie sorgt aber auch immer wieder für heitere Momente. Zum Beispiel nach einem üblichen Tag auf dem Katzenhof, mit der üblichen, nie enden wollenden Arbeit und dem üblichen Druck. Alle Tiere, oben, unten und in der Mitte des Hauses waren für die Nacht gefüttert, alle Katzentoiletten noch einmal kontrolliert und gesäubert. Der Hund war zum allabendlichen Pipi im Garten, alle Fenster, alle Türen abgeschlossen. Endlich konnte ich es mir vor dem Fernseher, mit einer Tasse Tee, in meiner Sofaecke, bei einem Krimi bequem machen. Piccola war noch beschäftigt. In der entgegengesetzten Sofaecke kämpfte sie wie eine Verrückte mit einem blaukarierten, 60x60 grossen Kissen. Irgendwann hatte sie es besiegt und rollte sich zufrieden zum schlafen ein. 2 bis 3 Tage später das gleiche Spiel, jetzt wollte ich wissen, was so spannend an dem harmlosen Kissen war. Es ging gar nicht um das Kissen. Es war ein Gummiband was unbedingt gesucht, bekämpft und dann wieder neu in dem Kissen verbuddelt werden musste. Weniger lustig war, dass sie mir alles was nicht Niet- und Nagelfest war, wegschleppte. Stifte, Kugelschreiber, Autoschlüssel, Notizzettel u.s.w. Drei Wochen lang fehlte der Schlüssel einer Zimmertüre, eine warme Lammfellsohle aus meinen bequemen Skechers (zur Zeit angesagte Turnschuhe) war verschwunden. Jetzt hat sie der Staubsauger unter der Getreidetruhe wieder gefunden. Dann hat Piccola, ich hatte es schon lange befürchtet, wie andere Katzen vor ihr, meine Pinwand entdeckt und räumt sie mit Begeisterung ab. Morgens räume ich alles wieder auf, abends räumt sie alles wieder ab.

Nach einer Weile war wieder der Kampf mit dem Gummiband angesagt. Sie versteckte es hinter oder unter dem Kissen und sie erhöhte die Spannung des Spiels dadurch, dass sie sich dieses Mal ganz konzentriert an das Kissen anschlich um plötzlich mit einem Satz auf das Kissen loszuspringen und das Gummimonster zu fangen und es triumphierend wegzutragen, oder es in die Luft zu schleudern und es im Flug geschickt wieder aufzufangen. Manchmal wird das Band auch durch ein halbes Katzenstengeli von Vitakraft ersetzt. Allerdings nur manchmal, das Gummiband hat bis heute nichts von seinem Spassfaktor eingebüsst.

Es ist Mitte März 2015. Die kleine Tigerin hat sich zum ersten Mal getraut einen Ausflug in den Hof hinter dem Haus und sogar von dort in meinen grossen verwilderten Garten zu machen. Vorsichtshalber aber in Begleitung von Onyx, einem grossen, 12 Jahre alten, schwarzen Kater, der auch zum Katzenhof gehört, sich aber schon längere Zeit bei einer älteren Nachbarin betüddeln und verwöhnen lässt. Er hat uns an diesem Tag wieder einmal mit seinem Besuch beehrt. Nach ca. 2 Stunden war sie wieder da und wollte herein. Anschliessend hat sie noch, mit grossem Aufwand, im Haus eine Fliege gefangen. Dann fünf Stunden am Stück, völlig erschlagen geschlafen. Danach ausgeruht und entspannt, in einer Zoo-Sendung des Fernsehens bei einer Affenfütterung, dem Versuch einen Esel am Halfter zu führen und der Fütterung von kleinen Nasenbären, hoch aufgerichtet auf der Sofalehne sitzend, zugesehen. Plötzlich schien sie sich daran zu erinnern, dass es Zeit war selbst gefüttert zu werden. Sie marschierte in die Futterküche des Katzenhofes, wo sie sich der Länge nach auf der Arbeitsfläche hinlegte und auf Bedienung wartete.

Zwischenzeitlich ist sie kastriert und mehrheitlich bei mir im Haus, wo ich sie eines Tages wie am Spiess schreien und fauchen hörte. Selbstverständlich rannte ich los um sie zu „retten“! Hannibal, ein ganz lieber, junger Siam-Mischlingskater , sass in Angriffspositon ihr gegenüber und fauchte sie seinerseits an. Ich war völlig baff, weil es so eine Situation unter den hier lebenden Katzen so gut wie noch nie gegeben hat. Die beiden Tiere waren zusammen hier aufgewachsen. Ich hatte nie irgendwelche Rivalitäten zwischen den beiden bemerkt. Komisch war auch, dass Piccola trotz ihrer Kleinheit immer eher die Freche war, die ihre Mitkatzen oft aus lauter Übermut provozierte und ärgerte. Vor allem wenn es abends Nassfutter gibt, haut sie prinzipiell allen anderen Katzen aus ihrer Gruppe auf den Kopf, weil sie zuerst an den ersten Teller, den ich hinstelle, will. Jetzt war sie wohl mit ihrer frechen Art einmal an den Falschen geraten. Bis auf den heutigen Tag muss ich den ganzen Tag darauf achten, dass die beiden sich nicht in die Quere kommen. Was gar nicht so einfach ist. Zum Glück ist Hannibal nicht nur ein ganz lieber, sondern auch ein sehr kluger Kater. Jedes Mal, wenn sie sich doch einmal begegnen und Piccola völlig panisch vor Angst loskreischt, steht er nur vor ihr und fixiert sie, weil ich, meinerseits schreiend angerannt komme. Ich nehme ihn dann auf den Arm und trage ihn in ein anderes Zimmer oder den Garten und erzähle ihm dann, dass man da nichts machen kann, sie sei einfach eine hysterische Zicke.

Copyright Isabella R. Kern