Die Geschichte von Onyx

Onyx, ein kohlrabenschwarzer, hochbeiniger Kater. Der schmale Kopf und der lange Peitschenschwanz legen die Vermutung nahe, dass es sich bei dem Tier um eine Rassekatze oder zumindest um einen Rassekatzen-Mischling handelt. Dafür spricht auch sein etwas ängstliches, erkennbar sensibles Wesen. Am Samstag, dem 30.1.99, haben ihn seine Vorbesitzer, in einem metallenen Gitterkäfig bei Nachbarn von mir, abends vor die Tür gestellt und sind verschwunden.

Das Aussetzen eines Tieres an und für sich ist feige, gemein und verabscheuungswürdig. Besonders schlimm an diesem Fall jedoch war, dass:

1. In der Nacht von Samstag auf Sonntag, in Boppelsen minus 13 Grad herrschte.
2. Mieter oder Eigentümer von Einfamilienhäusern samstagabends, vor allem in kalten Wintermonaten, ihre Häuser oft gar nicht mehr verlassen.

Wenn man schon eine Katze vor einem fremden Haus aussetzt, macht es Sinn, sie in einem Transportkorb auszusetzen, weil man generell davon ausgehen kann, dass derjenige der sie findet dem Tier hilft und die Katze nicht verängstigt, verstört und hungrig in einer ihr fremden Gegend herumirren und unter Umständen sogar verwildern lässt.

Die Kehrseite der Medaille in diesem Fall war aber, dass es sich bei dem schwarzen Kater Onyx mit grosser Wahrscheinlichkeit um eine Wohnungskatze handelt. Die ungeschützt, eingesperrt und in einem zugigen, nicht abgedeckten Käfig auf dem eiskalten Boden stehend, eine ganze Nacht bei minus 13 Grad, nicht ohne sehr krank zu werden, überstanden hätte. Ganz zu schweigen von der grauenhaften Angst der das Tier ausgesetzt war, weil es ausser Stande ist zu verstehen, was man mit ihm da gemacht hat.

Onyx hatte Glück im Unglück. In dem Nachbarhaus leben nicht nur die Eigentümer, sondern auch noch Mieter. Und diese Mieter hatten an dem Samstag nicht nur am frühen Abend Besucher, die sie vor dem Haus um ca. 18.00 Uhr verabschiedet haben, sondern sie gingen um ca. 19.00 Uhr selbst noch aus. Das heisst Onyx stand "nur" maximal eine Stunde verlassen in der Kälte. Was macht man mit einer Katze, die einem so mir nichts dir nichts, vor die Tür gestellt wird? Man gibt sie ihm nächstgelegenen Tierheim ab. Vor allem, wenn man gerade im Begriff ist auszugehen. In dem Fall war das der Katzenhof von Frau Kern. Diese war zwar in diesem Moment gerade todmüde dabei einem Bekannten, der ihr am Nachmittag bei einigen dringenden, schweren Arbeiten geholfen hatte, das Abendessen zu servieren. Anschliessend mussten noch 35 Katzen und der Hund gefüttert und alle Katzentoiletten für die Nacht hergerichtet werden. Aber was soll's. Im Selbstverständnis der Leute hat eine "Katzenmutter" immer präsent zu sein.

Als ich mir Onyx Geschichte angehört hatte, übernahm ich den wie Espenlaub in seinem Gefängnis zitternden Kater. Ich habe ihm eine grosse Doppelbox hergerichtet und sie auf einer Seite mit einem grossen Tuch völlig abgedeckt. So konnte er sich, wie in einer dunklen Höhle, geschützt fühlen. Ein altes, verwaschenes Badetuch, die vielen gezogenen Fäden daran zeigten, dass es schon lange Onyx's Tuch war, mit dem Aufdruck "From Australia with Love" was sich in dem Transportkorb befand in dem er ausgesetzt worden war, gab ich ihm mit in die Box. Getröstet in seiner Angst, hat es ihn vermutlich nicht.

In so einer Situation muss man ein Tier vollkommen in Ruhe lassen. Allenfalls kann man leise und ruhig mit ihm reden, nachdem man es an einem ruhigen Ort (kleines Zimmer) mit wenig Futter und frischem Wasser versorgt hat. Als ich in der Nacht noch einmal nach im sah, sass Onyx ganz in sich zurückgezogen, noch am gleichen Platz. Wenigstens zitterte er nicht mehr. Den ganzen Sonntag das gleiche Bild. Montag morgen erlebte ich eine tolle Überraschung: Er hatte über Nacht gegessen. Ich war überglücklich. Eine unter Schock stehende, völlig verängstigte Katze zwangszufüttern ist nicht lustig und für Mensch und Tier der absolute Stress. Onyx ist 1 ½ Wochen in der grossen Box geblieben. Durch die Gittertüren konnte er die Katzengruppe , die den grossen Raum bewohnte, in dem die Boxen für Neuankömmlinge stehen, in aller Ruhe beobachten, und umgekehrt die anderen Tiere ihn. Neu aufgenommene Katzen bleiben so lange in der Box bis sie essen, trinken, regelmässig Kot und Urin absetzen, nicht mehr aus Angst aggressiv und gestresst sind, sich weitgehend normalisiert haben. Dann öffne ich die Käfigtür und überlasse es ihnen, ob sie sich zu den anderen gesellen wollen oder noch nicht selbstsicher genug sind und lieber noch ein bisschen in der Box bleiben.

Onyx nächster Schritt war, sich mit der Katzengruppe zu arrangieren. Was ihm allem Anschein nach ohne grosse Schwierigkeiten gelang. Er schien sich wohl zu fühlen, wurde langsam auch mir gegenüber immer zutraulicher. Ich muss gestehen, dass ich einige Zeit grossen Respekt vor ihm hatte. Wahrscheinliche auf Grund seiner gerade gemachten Erfahrung, signalisierte er nicht gerade umwerfende Freundlichkeit. Was Wichtigste in so einer oder einer ähnlichen Situation ist, dass man einer Katze Zeit lässt. Jede Form von Druck, nicht abwarten können, macht alle vorangegangenen Bemühungen um das Tier, in kürzester Zeit zunichte. Trotz seiner Annäherungs- und Schmuseanwandlungen merkte ich bald, dass er doch noch nicht so weit, noch unsicher, war. Als ich an ihm, aus seiner Sicht, zu dicht vielleicht auch zu schnell vorbei ging, packte er mich mit beiden Vorderpfoten und ausgefahrenen Krallen am Bein. Einige Wochen später passierte das Gleiche noch einmal, nur diesmal sehr viel heftiger.

Einige Katzen, er und ich, befanden sich in einem relativ kleinen, schmalen Raum, der an den grossen anschliesst und als Futterküche dient. Diese relative Enge muss bei ihm so etwas wie eine Panik ausgelöst haben. Er schlug mehrmals mit Krallen auf mein linkes Bein los. Es hat einige Zeit gedauert, bis die Verletzungen vollständig verheilt waren. Zum Glück war ich so geistesgegenwärtig, ihn im Nackenfell zu packen, anzubrüllen und zu fragen, ob er verrückt geworden sei, was ihm eigentlich einfalle. Auf die Art versuchte ich ihm zu zeigen, dass so etwas nicht geht und reagierte gleichzeitig meinen Schreck über den überraschenden, schmerzhaften Angriff ab. Danach war zwischen uns erst einmal Funkstille. Ich passte auf, ihm nicht zu nahe zu kommen und ging einige Zeit auf seine Annäherungsversuche nicht mehr ein. Allerdings habe ich in dieser Zeit viel mit ihm geredet. Es dauerte noch einmal einige Wochen, bis wir endgültig Freunde wurden.

Zwischenzeitlich hatte er alle Tests und Impfungen hinter sich gebracht, die jede Katze für's Tierheim und für später braucht. Der dritte Schritt war, dass ich Onyx immer wieder einmal frei ins übrige Haus liess. Auf diesen Schritt war er gut vorbereitet. Er kannte die Haus- und Umgebungsgeräusche und wusste, dass sie keine Gefahr bedeuten, kannte meine Stimme, das Bellen des Hundes, kurz, alles was einer Katze an einem neuen, fremden Ort Angst einflösst. Das ermöglichte ihm, der Gruppe Katzen, die schon jahrelang mit mir und meinem Hund "Samson" zusammenleben, zum "Inventar" gehören, ziemlich ruhig und gelassen entgegenzutreten. Eine Woche später machte er den vierten und vorläufig letzten Schritt. Er durfte am Tag frei in den Garten.

Onyx war mittlerweile der zärtlichste, und anhänglichste Kater geworden, den man sich nur vorstellen kann. Er hätte mit jedem Hund konkurrieren können, folgte mir auf Schritt und Tritt, konnte gar nicht oft und nahe genug bei mir sein. Auf seinen Namen hörte er auch wie ein Hund. Ich tat alles, diese enge Bindung an meine Person nicht zu unterstützen, weil ich wusste, dass ich ihn, sobald der passende Platz gefunden ist, abgeben muss.

A) Bin ich leider schon 64 Jahre alt und darf schon deshalb keine Katzen sammeln, die mich womöglich überleben.
B) Kann ich für jedes gut vermittelte Tier eine andere Katze, die sich in einer Notlage befindet, aufnehmen, sie gesund pflegen und auch wieder vermitteln.

Im August 99 war der Platz gefunden. Eine ganz liebe, sensible Familie, zwei kleinere Kinder, gerade in ein Haus umgezogen, suchten zu ihrer Kätzin Minka eine zweite Katze. Aus meiner Sicht kam neben Onyx noch "Milena" in Frage. Eine leicht rundliche Kätzin, blaugrau getigert mit weiss. Die niedlich, hübsch und lieb aussehende Katze schlechthin. Milena zeigte sich der Familie von der besten Seite, kugelte herum, schmuste, war voll cool! Onyx war eher uncool. Wie sehr viele Katzen, verhielt er sich, vor allem den Kindern gegenüber, sehr reserviert, liess sich nicht anfassen, wollte nicht gestreichelt werden.

Zu unser aller Überraschung meldete sich Patric zu Wort. Er, sechs Jahre alt, Sohn der Familie, verwegen aussehend, mit schwarzer Augenklappe Zwecks Augenkorrektur, mit einem grossen Herzen für Katzen. Schon vor der Haustür, hatte er ich zu der ersten Katze, die ihm über den Weg lief, auf den Boden gekniet um ihr zu sagen, wie hübsch sie sei. Jetzt entschied er ruhig und sehr bestimmt, der zurückhaltende Onyx solle Familienmitglied werden.
Die Familie fuhr erst einmal wieder nach Hause um Familienrat abzuhalten. Ich bin immer sehr froh, wenn Katzeninteressenten, nachdem sie die Tiere angesehen haben, ihre Entscheidung noch einmal überschlafen. Frau Sch. und ich führten noch wenigstens zwei lange Telefongespräche, in denen ich immer wieder darauf hinwies, dass mich Onyx zweimal angegriffen hatte. Meine Bedenken waren, dass Onyx bei einem neuerlichen Wechsel, wieder unter Druck geraten und die Kinder verletzen könnte. Frau Sch. ist als Mutter und Hausfrau immer zu Hause. Nach nochmaliger Beratung mit ihrem Mann war sie überzeugt, dass sie alles unter Kontrolle halten könne, ohne die Kinder zu gefährden.

Am 23.8.99 wurde Onyx von der ganzen Familie abgeholt. Mit der neuen Situation hat sich Onyx verhältnismässig schnell und problemlos arrangiert. Kein Familienmitglied hat er je angegriffen und ist genauso anhänglich, liebevoll und zärtlich, wie er es vorher hier war. Patric liest ihm Geschichten vor, Nadine die 2jährige Tochter, füttert Onyx fleissig. So glaubten zumindest alle, weil sie dauernd kam und mit den Worten "Büsi ässe geh" (Katze essen geben), Trockenfutter verlangte. Bis ihre Mutter durch Zufall dahinter kam, dass sie es selber ass. Woraufhin Patric es natürlich auch probieren musste, es im Gegensatz zu seiner Schwester aber gar nicht gut fand. Seit August werden beide Katzen, Minka und Onyx, als reine Wohnungskatzen gehalten, um sie bis zum Frühjahr eng an Familie und Haus zu binden. Deshalb war Frau Sch. sehr erschrocken, als ein schwarzer "Onyx" durch ihren Garten spazierte. In heller Aufregung durchsuchte die Familie das Haus. Der richtige Onyx lag friedlich schlafend auf seinem Lieblingsplatz.

Ich bin glücklich, dass Onyx bei dieser besonders liebevollen Familie ein endgültiges Zuhause gefunden hat und meine Arbeit dadurch wieder einmal belohnt worden ist!

Copyright Isabella R. Kern