Melinda



Melinda die Tapfere

Melinda ist eine sehr hübsche, ein bisschen schüchterne Schildpatt-Kätzin. Sie war, als sie am 8.1.07 auf den Katzenhof kam, sehr verängstigt. Körperlich war sie zum Glück in sehr gutem Zustand. Deshalb beunruhigte es mich nicht sehr, dass sie sich sofort versteckte. Das Problem ist, dass man eine scheue Katze, zumindest in der Anfangszeit, auch am Futterteller kaum zu sehen bekommt. Man kann zwar davon ausgehen, dass eine normale europäische Hauskatze, im Gegensatz zu gezüchteten Katzen, so lebenstüchtig ist, dass sie alles daran setzt, auf irgend eine Weise an Futter zu gelangen. Besonders südeuropäische Strassenkatzen, werden einen Weg finden, trotz ihrer Angst, bei der ersten Gelegenheit, z.B. sobald man den Raum verlassen hat, sich ihren Anteil zu holen. Unerfreulicher war, dass dadurch, dass sie sich nicht frei bewegte, mir längere Zeit nicht auffiel, dass sie ihre linke Vorderpfote schonte. Zuerst dachte ich, es würde sich um eine Verstauchung handeln. Erfreulicherweise wurde sie immer mutiger und bewegte sich immer häufiger ohne Deckung, beim essen konnte ich sie streicheln. Für eine normale Verstauchung versuchte sie aber mittlerweile schon zu lange die Pfote so wenig wie möglich zu belasten. Zusätzlich bemerkte ich, dass die betroffene Pfote ganz breit getreten war.
Das hiess sofort zum Tierarzt die Pfote röntgen. Meine Überraschung war gross, als mir der Tierarzt eröffnete, dass er so etwas auch noch nicht gesehen habe. Erstens seien die filigranen Pfotenknöchelchen schon sehr angegriffen, und zweitens massive Kalkablagerungen zu sehen. Auf Grund des Alters von Melinda, sie war damals noch nicht einmal zwei Jahre, konnte das aber eigentlich gar nicht sein. Er schlug vor, die Röntgenaufnahme, bei nächster Gelegenheit, mit ins Tierspital-Zürich zu nehmen und sie dort mit den spezialisierten Röntgenologen anzusehen. Der Bescheid vom Tierspital war traurig. Bei den Ablagerungen handelte es sich nicht um Kalk sondern um feine Metallsplitter, die die Knochen zerstören und dem Tier natürlich beim Aufsetzen der Pfote Schmerzen verursachen. Amputation war die einzige Möglichkeit.

 

Diese Diagnose erschütterte mich zuerst nicht so sehr, weil ich mir vorstellte, sie würde zwar humpeln, aber nach einer Gewöhnungsphase, mit hoher Wahrscheinlichkeit mit dem verkürzten Bein ganz gut leben können. Was ich zu diesem Zeitpunkt nicht wusste, dass man das ganze Bein abnehmen muss. Beim Laufen auf dem Stumpf würde die darüber gezogene Haut immer wieder verletzt und das würde zu dauernden Entzündungen führen.
Es war hilfreich, dass ich aus früheren Jahren wusste, dass Katzen auf 3 Beinen sehr gut zurecht kommen. Als ich vor über 40 Jahren in die Schweiz gekommen bin, habe ich mich jahrelang, in der Hauptsache, um Bauernkatzen gekümmert.
In diesem Zusammenhang musste ich immer wieder einmal bei Katzen ein Bein amputieren lassen. Häufig waren sie in die Mähmaschine geraten. Sogar die Tiere, die nach der Operation wieder auf den Hof zurück durften sind auf 3 Beinen alt geworden. Geholfen hat dabei ganz sicher auch, dass ich sie bei der Gelegenheit gleich habe kastrieren lassen. So blieb ihnen erspart, jährlich 2-3 Würfe kleiner Katzenkinder aufziehen zu müssen. Jeder Wurf kostet so eine, in der Regel nicht besonders gut ernährte Bauernkatze, unglaublich viel Kraft.


Bei sehr wichtigen Dingen hole ich mir, in der Regel zwei Meinungen zum anstehenden Problem ein. Deshalb liess ich mir im Zürcher-Tierspital einen Termin für die Chirurgie geben. Ich hatte Glück, ich geriet dort an einen besonders netten, kompetenten und sorgfältigen Arzt. Er bestätigte die Diagnose Metallsplitter und leider auch die der notwendigen Totalamputation. Und ich bekam von ihm endlich eine Antwort auf eine Frage, die weder ich mir selbst noch ein Anderer bis dahin beantworten konnte. Wie kommen Metallsplitter in eine Katzenpfote? Dadurch, dass man in Italien mit Munition auf Melinda geschossen hatte, die beim Aufprall auf den Boden, Wand oder Sonstiges explodiert und Metallsplitter streut. So genannte Dum-Dum- Geschosse, die auf dem Papier schon lange verboten sind. Nach Rücksprache des Arztes mit dem Oberarzt stand unumstösslich fest, dass nur die Amputation des ganzen Beines in Frage kam. Ich hatte Melinda im Haus, im Sommer im Garten, überall beobachtet und dafür bewundert wie tapfer sie die, doch sehr wahrscheinlichen Schmerzen wegsteckte. Sie schonte ihre Pfote zwar, aber zwischendurch lief sie immer wieder, sogar grössere Strecken auf vier Beinen. Sie springt auch wie Katzen das tun auf Tische und andere Möbel.
Beim herunterspringen landet sie immer auf beiden Vorderpfoten. Mit dem Chirurgen vom Tierspital vereinbarte ich, dass ich Melinda auf dem Katzenhof behalte und weiterhin gut beobachte. So lange ich sehe, dass sie mit der Situation, wie sie ist, zurecht kommt wird nicht operiert. Ich gehe unter anderem davon aus, dass es Melinda helfen wird auf drei Beinen zu leben, wenn sie jetzt schon, gezwungener Massen übt, bei allen Aktivitäten das meiste Gewicht auf die drei gesunden Beine zu verlagern.

Bei Rücksprache mit meiner italienischen Kollegin erfuhr ich, dass man Melinda bereits schon dort Munition aus dem Rücken und Bauchraum operativ entfernt hatte. Vielleicht hat die kleine, tapfere Katze Glück und die Schmerzen halten sich so weit in Grenzen, dass sie noch eine Weile auf ihren 4 Beinchen durchs Leben spazieren kann. Das ist mein persönlicher Wunsch an den Weihnachtsmann.


Copyright Isabella R. Kern