Max Schmeling




Es ist der 24.12.07, Heiligabend, ca. 10.30 Uhr, als mein Telefon klingelt. Die Anruferin berichtet leicht aufgeregt und etwas ärgerlich, dass sich schon seit Jahren ein herrenloser Kater in dem Einfamilienhaus-Quartier herumtreibt. Eine Nachbarin von gegenüber hätte sich um ihn gekümmert, sei aber mittlerweile zu alt und zu krank. Frau D. aus Wettingen hatte offensichtlich schon andere Tierheime um Aufnahme des Katers gebeten, erfolglos.
Aus meiner Sicht wäre das Naheliegendste gewesen, wenn sie ihn in ihr Haus aufgenommen hätte. Ihre mangelnde Bereitschaft dazu erklärte sie damit, dass Sie einen 17 Jahre alten Kater habe, der keine anderen Katzen akzeptiere.
Eine Ausrede, denn erstens sind alte Katzen, fast ausnahmslos, extrem tolerant gegenüber Ihresgleichen. Zweitens in diesem speziellen Fall kam dazu, dass die zwei Kater sich, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, oft beim herumstrolchen im Quartier begegnet waren und sich gut kannten. Dass sie sich kannten, dafür sprach auch drittens, dass sich der herrenlose Kater seit langem, täglich direkt gegenüber aufhielt, weil er dort von der alten Frau gefüttert wurde.

Auf dem Katzenhof leben schon einige Kater verschiedenen Alters. Deshalb hielt sich meine Begeisterung, einen gestandenen Strassenkater aufzunehmen, wirklich in sehr engen Grenzen. Kätzinnen lassen sich, in der Regel, gut in grösseren Gruppen halten. Bei Katern mit ihrem albernen, typisch männlichen Imponiergehabe, sind Schwierigkeiten, nicht immer, aber doch relativ häufig, vorprogrammiert. Andererseits war da diese verflixte Sentimentalität.
Es war Heiligabend und draussen war es kalt und unfreundlich. Wie viele Zurückweisungen hatte der alte Kerl wohl schon erlebt, bis er endlich bei der alten Frau so etwas wie ein Zuhause gefunden hatte. Völlig schuldlos stand er nun schon wieder heimatlos auf der Strasse. Das waren die Gedanken, die mir durch den Kopf schossen und auch der, dass ich meine "gute Tat" für Heiligabend schon an zwei andere, herrenlose Tiere vergeben hatte. Aber was soll's, da ja bekanntlich aller guten Dinge drei sind, sagte ich Frau D. sie solle mich in 10 Minuten wieder anrufen. Ich würde versuchen meinen Tierarzt zu erreichen und ihn bitten, den Kater zu testen, zu kastrieren, Ohren und Zähne zu kontrollieren, ihn zu impfen und zu chipen. Es war unglaublich, Dr. Fricker in Schöfflisdorf war, trotz des nahen Weihnachtsfestes, bereit ihn noch zu behandeln. Am späteren Nachmittag rief mich der Tierarzt an, dass der Kater um 17.00 Uhr abholbereit sei.
Das Alter des Katers schätzte Dr. Fricker auf ca. 10 Jahre. Unter anderem auch wegen des schlechten Zustandes der Zähne. Sie waren vor lauter Zahnstein fast nicht zu finden. Ein Zahn war faul und musste gezogen werden. Die Ohren waren randvoll Milben und Dreck. Hinter den Ohren musste der Tierarzt dem Kater die Haare rasieren um zwei blutige, tiefe Wunden behandeln zu können, die er sich dort ins Fleisch gekratzt hatte. Das Jucken der Milben in den Ohren hatte ihn völlig verrückt gemacht. Gegen Flöhe, Milben, Würmer und anderen eventuell vorhandene Parasiten bekam er eine kombinierte Spritze. Durch die, für die Kastration nötige Vollnarkose, war die Rundumerneuerung zwar Arbeits- und Zeitaufwendig, aber ohne lebensgefährliche Gegenwehr gut durchführbar.
Ich hatte meinen Hauswirtschaftsraum hinter der Küche für ihn vorbereitet.

Dass ich da einen ziemlichen Brocken ins Haus schleppte, hatte ich schon am Gewicht gemerkt.
Ich öffnete den Deckel vom Transportkorb, der ganze Korb voll Katze, ein stattlicher Kater, der allerdings an einigen Stellen stark lädiert war. Eins seiner Augen, war fast völlig geschlossen, offensichtlich die Folge seiner 10 Jahre, unkastriert leben auf der Strasse und den damit unvermeintlichen Katerkämpfen. Wie viele niedliche, kleine Kätzchen er in dieser Zeit produziert hatte und wo sie alle gelandet waren, wollte ich mir lieber nicht vorstellen. Alles in allem machte er einen erstaunlich friedlichen Eindruck. Was allerdings täuschen konnte, weil er noch einen Rest der Narkose in den Knochen hatte. Er musterte mich mit dem einen Auge neugierig aber nicht unfreundlich. Zum Glück hatte der erste Eindruck nicht getäuscht. Er war ein grosser, gutmütiger, friedfertiger, lieber Muskelprotz und obendrein noch hübsch. Mit meinen Tieren, auch den Katern, arrangierte er sich auf eine selbstbewusste, gute Art. Der einzige der ab und zu eins auf die Nase bekam, war "Cyrus" mein englischer Mastiff.
Ich nannte ihn "Max Schmeling" nach einem sehr beliebten Box-Weltmeister im Schwergewicht. "Max Schmeling" war in vieler Hinsicht erstaunlich.
Am erstaunlichsten war sein absolutes Desinteresse am herausgehen. Im Winter war seine Häuslichkeit noch verständlich und nachvollziehbar. Als er aber sogar im Frühling und im Sommer darauf bestand als "Wohnungskatze" zu leben, hat mich das doch einigermassen überrascht. Es war nicht das erste Mal, dass ich erlebte, dass Katzen, die lange auf der Strasse gelebt hatten, völlig uninteressiert an der so genannten grossen Freiheit waren. Nur hatte ich es bei so einem Kaliber von Kater, der mit 10 Jahren noch lange nicht wirklich alt ist, nicht erwartet. Üblicherweise liegen Katzen, wenn man selbst auf dem Sofa liegt, mit auf dem Sofa, Bett oder auf einem selbst. Nicht so "Max Schmeling", er platzierte sich am Kopfende neben dem Sofa auf dem Boden, wie ein Hund. Wenn ich meiner Arbeit nachging, begleitete er mich, die meiste Zeit, durchs ganze Haus.
Katzen bewegen sich leise, für uns praktisch unhörbar. Deshalb merkte ich so gut wie nie, dass Maxe, fast in Körperkontakt, neben oder hinter mir sass, wenn ich irgendwo stand. Machte ich einen Schritt rückwärts oder zur Seite, trat ich ihm unweigerlich auf eine Pfote oder seinen Schwanz. Er hat sich das nie abgewöhnt, trotzdem es für ihn, bei allem guten Reflex meinerseits, sicher immer, manchmal mehr, manchmal weniger, schmerzhaft war. Seit er hier mit uns wohnte, musste ich alles Essbare sofort, nach Gebrauch, in Sicherheit bringen. Er stahl, intelligent und frech, wie eine Elster und ein Rabe zusammen. Wenn Katzen spielen, bedeutet das sie fühlen sich wohl. Auf mich wirkte es sehr rührend, wie dieser grosse Strassenkater in den letzten zwei Monaten seines Hier seins, immer wieder einmal übermütig wie ein kleines Kätzchen irgendeinen Ball, Flaschendeckel oder ähnliches durch die Gegend kickte!

Anfang November klingelte wieder einmal das Telefon. Frau N. aus der Nähe von Lenzburg, mit Haus und Garten, einem Mann und drei Hunden suchte, eine nicht unbedingt sehr junge Katze. Wenn ich mich richtig erinnere, war ihre Katze überfahren worden. Das hiess für mich, es kam nur eine sehr häusliche Katze in Frage. Dazu kam, dass es eine Katze sein musste, die sich gegen drei Terrier durchsetzen konnte. Dazu fiel mir nur "Max Schmeling" ein. Er war jetzt fast ein Jahr auf dem Katzenhof, in dem er sich extrem häuslich gezeigt hat. Mit Hunden hat er keine Probleme, eher sie mit ihm. Ich erzählte Frau N., dass Maxe der tollste Kater der Welt ist, aber ca. 10 Jahre alt, mit einem kaputten Auge, was täglich behandelt, oder noch besser irgendwann einmal operativ entfernt werden sollte und einigen sonstigen Macken. Frau N. antwortete auf jede einzelner meiner Ausführungen nur immer wieder mit: "Das macht nichts, das schaffen wir schon!" Sie sagte das mit einer solchen Bestimmtheit, dass es für mich glaubhaft und überzeugend klang. Erst einmal war ich sprachlos und ganz vorsichtig ein bisschen glücklich, für meinen tollen "Max Schmeling".
Es ist nicht immer leicht, solche Anrufe richtig einzuordnen. War da am anderen Ende der Leitung eine Frau, die einem Tier, das einen Lebensplatz brauchte, die einer Katze ohne wenn und aber diesen Platz in ihrem Haus und ihrem Herzen einräumen wollte? Oder war es, wie leider allzu häufig, ein Mensch, der sich selbst überschätzte und sich in der Rolle des "Tierli-Freundes" gefiel? Mein Bauch sagte mir, Frau N. ist in Ordnung, mein Kopf entschied, erst einmal emotionslos abwarten. Wir hatten einen Besuch für den 24.11.08 vereinbart.
Wie abgemacht klingelte es um 15.00 Uhr am Vierundzwanzigsten. Vor der Haustür stand ein ausgesprochen sympathisch wirkendes Ehepaar zwischen 50 und 60 Jahren, die idealen Katzeninteressenten! Jetzt war ich sicher, mein Bauch hatte recht. Maxe ist immer zur Stelle, wenn etwas los ist. Er schien den Eheleuten zu gefallen, sie ihm auch. Der Vierundzwanzigste scheint Maxes Glückszahl zu sein. Am 24.12.07 kam er auf den Katzenhof, am 24.11.08 zog er nun in den Aargau zu seiner neuen Familie. Dort lebt er jetzt etwas über zwei Wochen. Sein Auge ist bereits operiert. Die drei Hunde hat er schon fast im Griff. Seine zwei neuen Menschen scheinen mit ihm genauso gut zurecht zu kommen, wie ich mit ihm. Neuester Stand ist, dass er täglich spielt. Die aargauer Freiheit scheint ihn genauso wenig zu interessieren wie vorher die Freiheit hier.
Er hat seinen Platz gefunden und er hat ihn verdient, er ist ein toller Kerl!


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