Mathilde

Der Anruf von einer Frau K. aus Dietikon kam Ende Mai 2009. Sie hatte von einer Kollegin eine ca. 1 – 1 ½ jährige Kätzin zu ihren schon vorhandenen zwei Wohnungskatzen übernommen. Es war ihr nicht gelungen, die drei Katzen miteinander zu vergesellschaften. Aus dem Anruf der jungen Frau war ganz klar herauszuhören, dass sie die Kätzin auf jeden Fall loswerden wollte, möglichst gestern. Sie hatte es offensichtlich schon bei einigen anderen Tierheimen erfolglos probiert. Erstaunlicherweise informierte sie mich auf Nachfrage wahrheitsgemäss, dass die Kätzin sehr schwierig bis völlig unverträglich sei. Das Zusammenführen verschiedener Katzen, vor allem in einer eher kleinen Wohnung, ist nicht ganz einfach und wird fast immer falsch angegangen. Bitte besuchen Sie meine Homepage: www.katzenhof.ch „Zusammenführung“.

Ehrlicherweise muss ich zugeben, dass ich die Schilderung der Anruferin nicht ganz ernst nahm, sie schien mir zu drastisch. Ich war zuversichtlich das Problem relativ schnell in den Griff zu bekommen. Für mich war praktisch von Anfang an, aus Sorge um die Kätzin klar, dass mir wie immer keine Wahl blieb. Ich musste sie übernehmen.
Am 30.05.2009 war es dann soweit. Eine kleinwüchsige, sehr niedlich aussehende Tigerin mit weiss, zog auf dem Katzenhof ein. Solange sie in einem Raum separiert war, war alles noch einigermassen im grünen Bereich. Zwar war sie weit davon entfernt mir gegenüber freundlich zu sein, was aber normal und verständlich ist. Zumal sie ja zu der fremden Umgebung auch noch die ganze Anfangsprozedur, wie Kastration, Tests, Impfungen, chipen und eine Wurmkur zu verkraften hatte. Als ich sie nach der medizinischen Erstversorgung, bei meinem langjährigen Tierarzt abholte, meinte er trocken, was ich ihm da gebracht habe sei ein kleiner Teufel, aber keine Katze. Zum Glückt hatte ich ihn vorgewarnt. Nach 2 Wochen durfte sie sich mit den anderen Katzen frei im Haus bewegen. Natürlich nicht abrupt, sondern jeden Tag etwas länger, je nach Situation. Von wegen, das bekomme ich schnell in den Griff! Jede Katze, die ihr zu nahe kam, wurde angegiftet und bedroht. Das ging soweit, dass wenn ich mit ihr schimpfte und von ihr ein zivilisiertes Verhalten verlangte, sie sich mit drohend erhobener Pfote und flach gelegten Ohren, sprungbereit vor mir aufbaute und mich wütend anfauchte. Anscheinen hielt sie sich in dem Moment für einen Tiger oder eine Löwin und hatte ganz vergessen, dass sie eine kleine, niedliche Hauskatze ist. So kam sie zu ihrem Namen „Kampfkatze“. Eigentlich hatte ich sie nämlich Mathilde getauft.

Das war aber längst nicht alles was sie zu bieten hatte. Eigentlich war sie, frei im ganzen Haus, gar nicht tragbar. Sie raste den ganzen Tag durch die Gegend, kontrollierte alle Futterplätze der Katzen, die grosse Hundefutterschüssel und meine Küche. Ich durfte nichts ausserhalb der Schränke liegen oder stehen lassen, was nur entfernt nach Essen roch oder aussah. Sie zerfetzte die Katzenfutterbeutel, zerbiss die Alu-Schälchen und schob auf dem Herd die Deckel von den Kochtöpfen. Alles was sie nicht interessiert oder stört auf ihren „Raubzügen“, wird rücksichtslos beiseite gedrückt oder heruntergeworfen. Wenn sie etwas ergattert hat, verschwindet sie blitzartig damit in einem Versteck. Dort sitzt sie dann, sieht aus wie Teufels Jüngste, knurrt wie ein Hund und faucht, dass man gar nicht erst in Versuchung kommt, ihr die „Beute“ wegzunehmen. Sie lässt nicht den geringsten Zweifel daran, dass sie unbarmherzig mit ausgefahrenen Krallen zuschlagen würde.

An einem Morgen fand ich mehrere Alu-Schälchen in der Futterküche (eine kleinere Küche neben meiner Küche) verteilt auf dem Boden und den Arbeitsflächen. Dort werden die Katzen gefüttert, ihr Geschirr abgewaschen und aufbewahrt usw. Alle Schalen waren zerbissen und ausgeschleckt. Ich war wütend auf mich und meine Vergesslichkeit, war aber eigentlich fast sicher, dass ich am Abend vorher alles weggeräumt hatte. Zwei, drei Tage später, ich war gerade dabei das Katzengeschirr abzuwaschen, fiel mir ein unangenehmer Geruch auf, den ich mir nicht erklären konnte. Beim einräumen der sauberen Katzenteller und Schüsseln, öffnete ich ein Hängeschrankteil in dem im Normalfall Geschirr untergebracht ist, zu diesem Zeitpunkt sich aber Katzenfutter in Alu-Schalen befand. Ich traute meinen Augen nicht! Mindestens zehn davon waren zerbissen, manche sogar leer. Einige der zerbissenen Schalen schimmelten stinkend vor sich hin. Die Schweinerei und das Durcheinander waren unvorstellbar. Keine Ahnung, wie oft die „Kampfkatze“ Mathilde sich nachts dort bedient hatte. Als sie nach einer ihren Mahlzeiten aus dem Hängeschrankteil herausgesprungen ist, waren offensichtlich die von mir am Morgen gefundenen Schälchen mit herausgefallen.

Einige Wochen später, wieder in der Futterküche, stand ich vor der Küchenkombination. Es miaute irgendwo. Einen Moment dauerte es, bis ich begriff, dass das Jammern vor mir aus einem Topfauszug kam, in dem zweckentfremdet, Katzen- und Hundefutter aufbewahrt wird. Da sass Mathilde, die „Kampfkatze“ inmitten verschmiertem Futter, zerbissenen Beuteln und Schalen und zwei duftenden Kothaufen. Die hatte sie wohl aus Angst, während der langen Nacht, in der Schublade eingesperrt, verloren. Eine 300 gr. Schale Hundefutter hatte Mathilde unter anderem auch noch zur Hälfte verdrückt. Wie sie in die schwerbeladene Schublade gekommen ist, kann ich mir eigentlich nicht erklären. Eine Möglichkeit wäre, dass ich sie bei der Abendfütterung nicht ganz zugeschoben habe und die Kätzin sich durch den Spalt hineingezwängt hat. Durch ihr Herumwühlen hat sich dann die auf Rollen laufende Lade in Bewegung gesetzt und ist zugefallen. Die kleine Diebin war gefangen. Zu meinem Erstaunen sprang sie nicht heraus, sondern blieb sitzen und sah mich mit grossen Augen an. Für mich sah es so aus, als versuchte sie meine Reaktion einzuschätzen und wartete auf das grosse Donnerwetter. Stattdessen starrte ich sie genauso erstaunt an und musste grinsen. Von umgeworfenen und aufgebissenen Milchtüten, deren Inhalt sich auf der Arbeitsfläche (diesmal von der grossen Küche) zwischen Gewürzgläsern, Pfeffermühle, einer Teekanne usw. seinen Weg suchte, selbstverständlich zum Teil auch noch an der Türe vom Küchenunterschrank heruntergelaufen ist, auf einen kleinen eben erste frisch gewaschenen Vorleger, will ich gar nicht erste reden. Seit 1 ½ Jahren sorgt sie nun auf dem Katzenhof, in Abständen, immer wieder für Aufregung und Abwechslung. Ihr Verhältnis zu den übrigen Katzen ist leider fast genauso angespannt und schlecht wie am Anfang. Das ganze Verhalten von „Kampfkatze“ Mathilde ist, höflich ausgedrückt, aussergewöhnlich. Man könnte auch sagen, sehr gewöhnungsbedürftig. Mittlerweile nehme ich es sportlich, sehe es als Herausforderung. Menschen gegenüber ist sie freundlich und verschmust. Sie lässt sich gerne streicheln und von mir wie ein Baby herumtragen. Vorsichtshalber halte ich dabei mit meiner linken Hand ihre Vorderpfoten fest, weil ihre Freundlichkeit öfter kippt und ihre Angst und ihr Misstrauen die Oberhand gewinnen. Ihre besessene Futtersuche hier im Haus ist völlig atypisch für eine Katze.

Am Anfang lag der Verdacht nahe, dass sie vielleicht eine Zeit lang gehungert hatte und um jeden Bissen kämpfen musste. Dagegen spricht, dass ich 20 Jahre lang sehr viele Katzen aus Südeuropa wie Italien, Griechenland und Spanien bekommen habe. Strassenkatzen die ausgemergelt hier ankamen. 1 – 2 Monate schlangen sie alles was ich ihnen hinstellte in sich hinein. Dann normalisierten sich ihre Essgewohnheiten, weil sie erkannten, dass die Zeit des Hungerns für sie vorbei war. Manchmal wurden sie dann sogar recht anspruchsvoll und mäkelig. Mich erinnert Mathildes Verhalten stark an die Fresssucht von Menschen, die seelisch aus dem Gleichgewicht geraten sind. Auch ihre jetzt schon 1 ½ Jahre anhaltende Aggressivität gegenüber den anderen Katzen ist atypisch. Katzen pflegen sich nach einiger Zeit, praktisch immer zu tolerieren, meistens sogar zu akzeptieren. Je länger, je mehr glaube ich, dass sie trotz ihres wilden Getues Angst hat, die sie hier im Tierheim nicht in den Griff bekommt. Monatelang weigerte sie sich das Haus zu verlassen, heraus zu gehen in meinen grossen, verwilderten Garten. Anfang des Sommers fing sie dann doch an Spaziergänge zu unternehmen, was die Situation zwischen ihr und den anderen Katzen und ihr und mir wohltuend entspannte. Ich bin überzeugt davon, dass diese süss aussehende, ein bisschen verrückte Katze, in einer Familie einzeln gehalten und wo man ihr die Zeit gibt, die sie braucht, eine zärtliche, schnurrende Bereicherung wäre.

Copyright Isabella R. Kern