Warum markiert eine Katze?


Unsere Katzen sind ausgesprochen intelligente und hochsensible Lebewesen, mit sehr differenzierten Bedürfnissen. Insbesondere die Wohnungskatze, die völlig abgeschlossen lebt, reagiert auf Störungen von aussen unter Umständen sehr extrem.
Stellen sie sich ein Kind vor, das inmitten von Spielsachen, gutem Essen und Luxus, aber ohne Kontakte und Auseinandersetzungen mit passenden Spielgefährten aufwächst. Es wird ängstlich und bis zu einem gewissen Grad lebensuntüchtig.
Uns steht die Sprache zu Verfügung, um unseren Unmut oder unsere Verzweiflung andern mitzuteilen. Tieren fehlt diese Möglichkeit. Sie signalisieren uns mit plötzlichem "Unsauber werden", dass ihre kleine Welt in Unordnung geraten ist, dass sie verunsichert sind. Auch Kinder in vorzugsweise asozialen Verhältnissen, teilweise auch Heimkinder machen sich durch Bettnässen bemerkbar, wenn sie sich nicht anders mitteilen können.

Zum Leben von Mensch und Tier gehören Schwierigkeiten und Konfliktsituationen die bewältigt werden müssen. Nur Lebewesen die von klein auf immer wieder, lebenslang, trainiert haben mit den unterschiedlichsten Problemen richtig umzugehen und sie im Bedarfsfall zu lösen, sind selbstsichere, lebenstüchtige Individuen.

Ich möchte auf keinen Fall falsch verstanden werden, ich rede nicht gegen die Wohnungskatzenhaltung.
Ich will ihnen nur vor Augen führen, warum die so gehaltenen Tiere viel empfindlicher auf Veränderungen reagieren. Im Gegensatz zu freilaufenden Katzen, die tagtäglich schnell und flexibel auf immer neue Herausforderungen reagieren müssen.

In der Regel äussern sich Katzen auf verschiedene Verunsicherungen, Ängste und Zumutungen durch:

"Unsauberkeit" mit Urin, immer wieder an dem gleichen Ort oder gleichen Orten, wenn sie mit der momentanen Situation nicht mehr zurecht kommen, sich nicht mehr geborgen und wohl fühlen.

"Unsauberkeit" durch Kot bedeutet Protest gegen etwas, das man der Katze zumutet, aus ihrer Sicht aber nicht akzeptierbar ist.

Das wahllose Verteilen von Urin und Kot in der Wohnung oder im Haus, bedeutet höchste Alarmstufe. Dieses Tier ist total durcheinander, befindet sich in einer ständigen Angst- und Stresssituation, ist komplett aus dem Gleichgewicht.

Bei plötzlich auftretender "Unsauberkeit" sollte eine nichterkannte Krankheit auch mit in Betracht gezogen werden.

Junge Katzen die geschlechtsreif geworden sind zeigen das auch oft durch "Unsauberkeit" an.

Sehr viele Katzen reagieren sich glücklicherweise in der Badewanne, Dusch- oder Waschbecken oder auf der Badezimmervorlage ab. Diese Stellen sind relativ leicht zu reinigen, und deshalb sollte man das Verhalten der Katze hier letztlich dulden. Völlig falsch wäre es, die Badezimmertüre zu verschliessen und damit das Tier geradezu zu zwingen, sich auf Betten, Sofas oder Teppichen abzureagieren.

Wichtig ist es, denn Beginn des Markierverhaltens als solches zu erkennen und zu versuchen, den sogenannten Auslöser zu finden und ihn, wenn möglich, zu beseitigen.
Es gibt leider eine Menge Situationen, die eine Katze ängstigen und verunsichern, die wir gar nicht verhindern können, fast immer helfen Zeit, Geduld und, wenn möglich, das Beseitigen des Zustandes der für das Tier angsteinflössend, nicht akzeptierbar ist.

Genauso wie wir bei der Kindererziehung dank Kenntnissen und Vorausdenken Fehler vermeiden können, ist das auch bei der Katze möglich.
Ich will versuchen, ihnen einige immer wieder vorkommende Beispiele zu erläutern. Bei allen wäre es zu vermeiden gewesen, die Katze so zu verunsichern, dass sie zum kaum mehr tragbaren, herumpinkelnden Mitbewohner wurde.

Einer der Hauptgründe für das Markierverhalten ist das Alleinlassen der Katzen in den Ferien. Vorausgesetzt man kennt eine gute Katzenpension, dann ist sie dort unterzubringen, immer die beste Lösung.

Die unangenehmste Form des sich gegen etwas zu Wehren ist zweifellos das Markieren in der Wohnung mit Urin (Kot, ausser wenn es sich um Durchfall handelt, lässt sich vergleichsweise einfach entfernen). Das tun Kätzinnen genauso wie Kater, kastrierte Tiere ebenso wie unkastrierte. Da es mit dem Geschlechtstrieb und der Sauberkeit überhaupt nichts zu tun hat, sondern eine instinktive, notwendige Ausdrucksform des Tieres ist, lässt sich mit Gewalt, etwa die Nase in den Kot oder Urin drücken oder Schlägen, überhaupt nichts erreichen, im Gegenteil, man verschlimmert die Situation.

Einer der ganz grossen Fehler, die immer wieder gemacht werden ist, kleinen Katzen alles zu erlauben weil sie so süss sind, sie mit ins Bett zu nehmen usw. Wenn sie grösser werden, stören plötzlich Haare, oder ein neuer Partner oder Partnerin mag Katzen nicht im Bett. Wie soll ein Tier begreifen, dass es plötzlich ausgesperrt wird. Es fühlt sich ausgeschlossen und ungeliebt.

Kritisch kann es auch werden, wenn Menschen, die den ganzen Tag berufstätig sind, während einer längeren Krankheit zu Hause bleiben müssen und der Katze ausreichend zur Verfügung stehen, dann aber plötzlich wieder den ganzen Tag weg sind um, neben anderem, das Dosenfutter zu verdienen.

Eine Frau, die ein Kind erwartet - vor allem das erste - wird sich während der Schwangerschaft und nach der Geburt so sehr mit ihrem Kind beschäftigen, dass die Katze völlig fassungslos und verunsichert ist und auf die vermeintliche Zurücksetzung mit Unsauberkeit reagiert. In diesem Fall sollte der Familienvater für genügend Aufmerksamkeit und Streicheleinheiten der Katze sorgen. Sie muss in die Mutter-Kind-Beziehung mitein- und nicht ausgeschlossen werden.

Katzen haben ein ausgeprägtes Zeitempfinden. Das Nachhausekommen des geliebten Besitzers, evtl. Spaziergänge an der Leine mit der Wohnungskatze, zeitlich begrenzte Aufenthalte im Freien. Fütterung und Spielstunde sollten entweder genau eingehalten werden oder so unregelmässig stattfinden, dass sich die Katze nicht darauf einstellt und warten muss.

Es ist auch sehr gut zu überlegen, ob man die Katze am Wochenende im Wohnwagen, in der Ferienwohnung oder im Wochenendhaus - so schön es auch wäre - frei in der Umgebung laufen lässt, wenn sie die übrige Zeit eingeschlossen in einer Stadtwohnung lebt. Lange nicht jede Katze akzeptiert diese Umstellung und bekundet nachher ihr Unbehagen durch Markieren.

Wenn eine Katze tagaus, tagein ihr Leben mit ruhigen Erwachsenen teilt, vor allem wenn es sich um eine Wohnungskatze handelt, deren Leben aus täglich gleichbleibenden, sich wiederholenden Abläufen besteht, werden Störungen dieses Gleichklangs als Bedrohung empfunden. Besuch mit lebhaften, lauten Kindern, Hunden, Katzen oder Meerschweinchen sollte man nicht einladen, sondern lieber mit einem Blumenstrauss besuchen gehen.

Sogar der Kauf eines neuen, mit fremden, beängstigenden Gerüchen behafteten Teppichs oder Möbelstückes, kann eine Katze total verunsichern.

Schuhe, fein säuberlich auf einem Schuhrost aufgereiht, werden gerne markiert. (Vermutlich weil sie mit beängstigenden Mengen fremder Gerüche behaftet sind.)

Alle Aktivitäten vor Antritt eines Urlaubs werden von den Familienkatzen misstrauisch und beunruhigt registriert. Zum packen bereitgestellte Koffer werden gerne "verpinkelt". Auch Koffer, Taschen, Mäntel die von Gästen/Besuch mitgebracht und im Flur abgestellt, werden unter Umständen Opfer der lieben Kätzchen, weil fremd.

Starke Spannungen, Streit, Ehescheidung ihrer geliebten Menschen, kann eine Katze oft nur schwer verkraften.

Eine gedeckte Katzentoilette, vor allem wenn die Katze vorher eine offene hatte, ist ein weiterer Auslöser. Eine Katze wird von Natur nie einen dunklen, höhlenartigen Ort aufsuchen um Kot und Urin abzusetzen. Dass so viele Katzen trotzdem gedeckte Toiletten benutzen, ist nur ein Beweis für ihre Anpassungsfähigkeit.

Lärmige Bauarbeiten vor dem Haus, am Haus oder in der Wohnung, erlebt die Katze in vielen Fällen als Bedrohung ihres Zuhauses. Es ist viel besser, sie während dieser Zeit in einem Tierheim unterzubringen, auch während eines Umzuges.

Am Wochenende spätes Aufstehen und die damit verbundene spätere Fütterung, reicht unter Umständen aus, die Katze so ärgerlich zu machen, dass sie vors Schlafzimmer oder sonst wohin pinkelt.

Sehr viele Menschen machen anfänglich den Fehler, eine Katze, auch heute noch, nachts frei laufen zu lassen. Wenn sie die Gefährlichkeit dieser Haltung erkannt haben und dann vom Tier plötzlich verlangen, dass es nachts im Haus bleibt, kommt es in den meisten Fällen zu einer Protesthaltung. Kot oder Urin wird demonstrativ nicht in der Toilette abgesetzt.

Alle diese Vorgänge im Zusammenhang mit dem Markierungsverhalten sind sehr kompliziert und in jedem Fall wieder anders gelagert.

Viele dieser Fälle sind nur in ganz persönlichen Beratungsgesprächen, mit Menschen die sich professionell mit Katzenverhalten beschäftigen (Tierheim, Verhaltensforschung), ganz oder teilweise zu lösen.

Katzen fühlen sich in einem sicheren, geordneten, eher ruhigen Haushalt wohl. Mit menschlichen Partnern auf die sie sich verlassen können, von denen sie respektiert und geliebt werden, die ihnen Aufmerksamkeit schenken.
Sie können nicht wissen, dass wir das manchmal mit unserem mit Stress und Ärger angefüllten Alltag nur schwer bringen können.

Tiere die mit der gleichen Sorgsamkeit und Hinwendung wie Kinder gehalten, die nicht sentimental verhätschelt werden, sondern denen man klar und konsequent entgegentritt und ihnen vermittelt was erlaubt und verboten ist, entwickeln sich in seltenen Fällen zu untragbaren Mitbewohnern.


Copyright Isabella R. Kern