Malala – ein kleines, schwarzes Wuschelding!

In einer grossen Gruppe junger Katzen, alle zwischen 6 bis 10 Wochen alt, die alle ein neues Zuhause brauchten, kam sie, ca. 6 Wochen alt, am 09.07.2013 auf dem Katzenhof an. Es dauert immer einige Zeit bis ich die Tiere kenne und auseinanderhalten kann. Irgendwann fiel mir auf, dass die kleine Wuschlige sich immer etwas abseits der Gruppe aufhielt. Sie beobachtete zwar alles genau und interessiert was sich um sie herum abspielte, beteiligte sich aber nur ausnahmsweise an den übermütigen Spielen und Raufereien der Anderen. Lange Zeit machte ich mir ziemliche Sorgen, dass sie vielleicht krank sein könnte. Zwar neigte sie, wie alle anderen Kleinen, zu Durchfall und hatte auch, wie alle Übrigen, Phasen, in denen ihre Augen tränten und sie ab und zu nieste. Ein Ortswechsel, oder je nach Situation mehrere, fremde Menschen, unbekannte Geräusche usw., bedeuten erheblichen Stress für die Tiere, und der führt fast immer zu den anfänglich unerfreulichen Begleiterscheinungen. Nach mehreren Wochen war ich ziemlich sicher, dass diesem kleinen, schwarzen Wuschelding nichts fehlte. Was der Tierarzt anlässlich der ersten Impfung auch bestätigte. Was blieb war, im Gegensatz zu ihren Mitkatzen, die sich auch noch nach Monaten, jedes mal wie eine Horde ausgehungerter Wölfe bei jeder Fütterung aufführten, dass sie erst an einen der Futterteller ging, wenn sich der ganze Trubel gelegt, die Teller aber schon halbleer waren. Ich konnte nicht warten bis die sowieso Kleinste, nur noch aus Haut und Knochen bestand. Die Konsequenz, ich setzte sie mit ihrem Teller hinter eine Gittertür, was den anderen selbstverständlich keinen Moment verborgen blieb, die nun ihrerseits völlig hektisch an der Gittertüre hoch und runter kletterten. Das kleine Wuschelding würdigte der wild gewordenen Kletterbande keines Blickes, sie zuckte noch nicht einmal mit der Schwanzspitze. Sie mampfte einfach vor sich hin bis der Teller leer war. Je länger je mehr hatte ich den Eindruck, dass sie nicht nur eine kluge, sondern irgendwie auch eine besondere Katze ist.

Besonders mühsam und nervig ist für mich das mehrmalige, tägliche Betreten der Katzenräume. Mit sechs Futtertellern in und auf beiden Händen und Armen, oder bewaffnet mit Staubsauger, Putzeimer und frisch gewaschenen Katzentoiletten, oder nur für eine Schmusestunde. Alles Bemühen mich ganz leise der Tür zu nähern und sie zu öffnen, scheitert jedes mal kläglich, Sie liegen hinter der Tür auf der Lauer und überrollen mich, unterlaufen meine Versuche sie in ihre Räumlichkeiten zurück zu drängen, rennen die Treppe hoch in den ersten Stock um das Haus und die Küche zu erkunden und zeitweise auf den Kopf zu stellen. Auch an diesen Aktionen beteiligte sich das kleine, schwarze Wuschelding praktisch nie.

An einem Montag, nachdem ich mit der täglichen Putzerei der Katzenräume fertig war, habe ich sie mit hoch ins Haus genommen. Zu den älteren und alten Katzen, die in den vergangenen Jahren aus den unterschiedlichsten Gründen nicht vermittelbar waren. Es war Dezember 2013, draussen war es kalt. Alle Tiere waren zu Hause und schliefen an allen möglichen und unmöglichen Orten und Plätzen, wie das Katzen in der Jahreszeit so tun. So konnte die Kleine ungestört alles erkunden. Sie marschierte völlig unaufgeregt in Gegend herum, kletterte auf Sofas, Stühle und Tische und inspizierte die Küche besonders sorgfältig. Später, nachdem sie ihr Abendessen verdrückt hatte, schlief sie bei mir auf dem Sofa, offensichtlich erschöpft von ihrem ersten, grossen Abenteuer, ein. Am nächsten Morgen: ich war sehr gespannt auf die Begegnung der Kleinen mit den erwachsenen Tieren. Vorher hatte ich noch die älteren Tiere mit vollen Tellern auf dem Arm in ihre Übernachtungsräume hinter der Küche geleitet. Ein Ritual, dass sich jeden Abend wiederholt und funktioniert. Wenn die Grossen erstaunt waren, dass da plötzlich so ein schwarzes, wuscheliges, fusseliges Ding durch das Haus marschierte, liessen sie sich nichts anmerken. Beide Seiten verhielten sich friedlich und freundlich. Was die Kleine noch nicht wusste, dass ihr die Begegnung mit Kitty noch bevorstand. Für Kitty, eine blaugrau getigerte, eher etwas kleinere Kätzin, hatte ich seit 5 Jahren keinen wirklich passenden Platz gefunden. Eigentlich nicht nachvollziehbar, handelte es sich bei ihr doch um ein ausgesprochen unkompliziertes, ausgesprochen liebenswürdiges, verschmustes und ausgesprochen hübsches Exemplar ihrer Gattung, und sie ist total häuslich. Aber mit einem trüben Auge, was man aber erst beim zweiten hinsehen überhaupt bemerkte! Kitty mag, glaube ich, Menschen lieber als Katzen. Sie ist kein Freund von Veränderungen und schon gar nicht in Form einer zusätzlichen Katze mit der sie ihr Zuhause und ihr Futter teilen soll. Was sie dem Wuschelding bei dem ersten Zusammentreffen auch unmissverständlich versuchte klar zu machen. Sie fauchte und giftete sie, ausser sich vor Empörung, an. Aber da passierte etwas völlig Unerwartetes. Die Kleine baute sich vor Kitty auf, hob drohend die Pfote und fauchte nachdrücklich zurück. Kitty war so überrascht, dass sie den Rückzug antrat. Allerdings mit einer Körperhaltung die ausdrückte, du kleines Ding interessierst mich doch gar nicht. Fünf Jahre hatte Kitty praktisch alle Katzen immer wieder provoziert. Egal ob sie friedlich irgendwo schliefen, nur ihren Weg kreuzten, zu dicht an ihr vorbei gingen oder fröhlich spielten. Für die Tiere, aber auch für mich, war sie ein dauerndes Ärgernis. In den ganzen fünf Jahren ihres Hierseins habe ich nie herausfinden können, ob es eine ungeschickte Form eines Spiels sein sollte oder ob ihr die vielen Katzen zeitweise, schlicht und ergreifend, einfach auf die Nerven gingen.

Einige Wochen später geschah ein kleines Wunder. Es kam eine Anfrage für eine etwas ältere Katze. Alles passte für Kitty. Sie konnte zu einem älteren Ehepaar in eine Wohnung mit Balkon umziehen. Das war ihr Glück, denn die Situation zwischen den zwei Tieren hatte sich verschärft. Das kleine Wuschelding liess keine Gelegenheit aus um ihrerseits Kitty zu ärgern oder sogar zu bedrohen. Was mich amüsierte und auch ein bisschen mit Schadenfreude erfüllte, schliesslich hatte Kitty die andere lange genug tyrannisiert. Zwischenzeitlich hatte die Kleine auch meinen schäferhundgrossen Mischlingshund schlafend in seinem Hundebett entdeckt. Mehr erstaunt als erschrocken hat sie sich ihm vorsichtig genähert und ihn beschnuppert. Das wars dann aber auch schon, Geruchstest bestanden, gehört dazu, ist ok!

Ganz spontan habe ich die Kleine „Malala“ getauft weil sie sich auch in anderen Situationen völlig unerschrocken behauptete. Sie hat noch nicht einmal vor mir Respekt, wenn ich los schimpfe oder ihr hinterher jage, weil sie wieder mal Essbares geklaut hat. Dann flitzt sie mit einem kleinen, lustigen Piepslaut, hochgestelltem Schwanz, an dem die Haare wie eine Fahne im Wind wehen, um die nächste Ecke. Bei so einem Spurt rutschen ihr jedes mal in der Kurve die Hinterbeine weg. Über Kittys Auszug konnten sich die grossen Katzen nicht lange freuen. Sie landeten vom Regen in der Traufe. Wenn Malala gerade nichts besseres zu tun hat, spielt sie „Mitkatzen überfallen“. Allerdings macht sie es spassiger, lustiger und kreativer als Kitty. Für mich wurde das Bewegen und Arbeiten im Haus, wenn es, wetterbedingt oder Abends, draussen und drinnen dunkel wird, geradezu Gefährlich. Ganz besonders in der Heizperiode, wenn die im ganzen Haus verlegten, unglasierten Bodenplatten mit der Bodenheizung darunter, schön warm sind. Dann liegt Malala platt wie eine Flunder, Vorder- und Hinterbeine seitlich von sich gestreckt, auf dem Rücken, immer irgendwo, vor allem da wo man am wenigsten mit ihr rechnet, in der Gegend herum. Mit ihrem halblangen, schwarzen Fell ist es wirklich Glücksache, sie nicht zu übersehen. Keine Ahnung wie oft ich schon fast auf sie getreten oder über sie gestürzt bin.

Eins steht fest, seit Malala hier oben mit uns lebt, gibt es immer wieder etwas zu lachen. Von Anfang an bis heute ist sie immer wieder für ein, zwei Stunden spurlos verschwunden und hat mich damit jedes mal in helle Aufregung versetzt. Mittlerweile suche ich sie nicht mehr. Ich habe gelernt, dass sie nicht verloren geht, sondern nur irgendwo im Haus zum schlafen abtaucht. Lustig war dagegen, als sie eine Decke vom Hund völlig umgegraben hat. Ich war gespannt was sie da versteckt hatte und suchte. Ahnte aber nicht im geringsten, dass es meine drei kleinen, mit Käse belegten Frühstücksbrote (das Brot war zu Ende) von meinem Frühstücksbrett waren. Ein anderes Mal beobachtete ich sie „beim Tanz ums Kalb“. Nur dass das Kalb eine, von einer Nachbarin auf XXL gefütterte, unserer Katzen war. Sie lag fest und tief schlafend auf dem Teppich. Malala tippte ihr erst einmal mit ihrer kleinen, felligen Pfote auf den Kopf. Als keine Reaktion erfolgte, tanzte sie auf ihren Hinterbeinen um sie herum. Bei Affen hatte ich das schon gesehen, aber noch nie bei einer Katze. So wird Malala bestimmt weiter fleissig für Spass, Unterhaltung und Aufregung sorgen. Und vor allem für zärtliche Schmusestunden in denen sie mir mit ihren kleinen Pelzpfoten Mund oder Augen zuhält (ohne Krallen), oder nach mir greift um mich zu erinnern, dass Spielen und Lieb sein angesagt ist. Sie ist nicht ganz gesund und deshalb kaum vermittelbar. So muss ich meine ganze Kraft darauf verwenden, 95 Jahre alt zu werden, dass sie nicht plötzlich alleine dasteht. Eigentlich wollte ich mich früher verabschieden ;-).

Copyright Isabella R. Kern