Lolishays Geschichte


     

Jämmerlich miauend, ca. 6-8 Wochen alt, ist sie in einem Garten in Boppelsen gefunden worden. Sie war fast verhungert, hochgradig schnupfenkrank, Augen und Nase von Ausfluss verklebt. Da eine Katzenmutter ihre Jungen praktisch nie im Stich lässt, kann man davon ausgehen, dass ihr selbst etwas passiert ist.
Ich habe keine Ahnung, wie oft ich in den letzten 38 Jahren vor der Entscheidung gestanden habe, töten lassen oder es versuchen. Was versuchen heisst, weiss ich: Rund um die Uhr mit der Spritze einem, sich mit aller Kraft dagegen sträubenden, mit kleinen Krallen und Zähnen bewehrtem Etwas, Essen einflössen, Augen waschen, Nase putzen, medikamentieren.
Das kleine Katzengesicht ist nach jeder Mahlzeit bis zu den Ohren vom Brei zu befreien, nicht anders als bei einem Baby! Den häufig von Durchfällen verklebten Po zu säubern, inklusive Hinterbeine und Schwanz, gehört selbstverständlich auch zum Programm.
Wenn das kleine Ding dann endlich erschöpft schläft, kommt die Angst: Was erwartet mich, wenn ich das nächste Mal nach ihr sehe? Hat sie das Essen bei sich behalten? Der kleine Körper bräuchte das so dringend. Oder liegt sie im Erbrochenen? Ist das Fieber gestiegen? Ist die Nase völlig zu von gelbgrünem Ausfluss? Schaffe ich es, diesem kleinen Wesen zu vermitteln, dass es kämpfen muss? Es sind dauernde Wechselbäder aus Hoffnung und Angst.
Ein unglaubliches Glücksgefühl, wenn es ihr besser zu gehen scheint. Tiefste Mutlosigkeit, wenn sich der Zustand verschlechtert. Immer wieder die Frage: Ist es richtig, was ich da mache? Wie viele Tiere werden im gleichen Zeitraum gequält, totgeschlagen, abgeknallt?
Lolishay wird nie ganz gesund werden. Sie hat ein trübes Auge und bekommt zeitweise schlecht Luft durch die Nase. Sie bekommt täglich homöopathische Mittel. Damit lebt sie gut. Es war richtig, sie nicht zu töten, das steht nach einem Jahr fest. Sie ist die frechste, selbstbewussteste, zärtlichste kleine Kätzin, die ich je hatte. Sie hat einen umwerfenden Charme und Anfälle von überschäumender Lebensfreude. Sie ist sozial, kümmert sich wie eine kleine Mutti um die Kleinsten im Haus. Alle Menschen, die sie sehen, mögen sie, sogar meine zwei grossen Hunde respektieren sie und jagen sie nicht einmal zum Spass.
Man kann sie im Auto überallhin mitnehmen, sie hat keine Angst. Es lohnt sich halt doch fast immer, es zu versuchen.
Lolishay war einmal in ihrem ersten Lebensjahr vermittelt. Vor allem weil ich gehofft hatte, wenn sie in eine private krankheitserregerfrei Umgebung kommt, dass sie vielleicht doch noch gesund wird.
Sie wurde nicht. Ihre Nebenhöhlen sind chronisch vereitert, bis heute. Das äussert sich dadurch, dass sie mehrfach am Tag heftig niest und dabei ein klebrig, gelbes Sekret aus der Nase herausschnupft. Meistens leckt sie es selbst sofort wieder auf, oft klebt es aber auch anden Wänden, dem Sofa oder an einem selbst. Es ist weder für die Mitkatzen noch für Mitmenschen ansteckend aber zugegebenermassen nicht sehr appetitlich, und damit gehört sie zu den Unvermittelbaren.

Seit September 1995 lebt Lolishay lustig und vergnügt auf dem Katzenhof.

© Isabella R. Kern