Findus - eine vorweihnachtliche Geschichte

Am 6. Dezember 2011, ca. 20.00 Uhr, klingelte das Telefon. Was ich leicht gereizt zur Kenntnis nahm. Gereizt deshalb, weil das exakt die Zeit ist, zu der ich zum 1. mal nach einem 12 Stunden Tag versuche durchzuatmen und möglichst einen Gang zurück schalte, mir die Nachrichten und wenn ich nicht mittendrin einschlafe, einen Krimi ansehe. Die Anruferin, eine höfliche Nachbarin, die sich für den späten Anruf entschuldigte. Ihnen war, eine offenbar noch nicht ausgewachsene, rote Katze zugelaufen. Sie erzählte, dass sie die Kleine, oder wahrscheinlicher, weil rot, den Kleinen mit Whiskas gefüttert und dann wieder nach draussen gesetzt habe. Ich dachte, ich höre nicht recht. Nach den langen schönen und trockenen Wochen war das der erste oder zweite Tag an dem es draussen nicht nur stockdunkel war, sondern wie verrückt regnete und stürmte. Ich war gleichermassen wütend und traurig. Für mich etwas ganz und gar Unbegreifliches, ein kleines Tier was ganz offensichtlich, aus welchen Gründen auch immer, sein Zuhause verloren hatte, einfach wieder auf die Strasse, bzw. vor die Tür zu setzen.

Besonders freundlich habe ich mich vermutlich nicht angehört, als ich der Anruferin zu bedenken gab, dass es doch irgendwo in ihrem Haus einen Ort geben müsse, wo so eine kleine Katze für eine Nacht bleiben könne. Dass die Familie den kleinen Roten nicht behalten wollte machte mir die Anruferin unmissverständlich klar. Zum einen sei ihr Mann allergisch, ausserdem seien sie auch viel zu oft unterwegs, nicht zu Hause. Trotzdem versprach sie mir die kleine Katze über Nacht ins Haus zu nehmen und ich sagte ihr meinerseits zu, mich am nächsten Tag zu melden und um alles Weitere zu kümmern. Am nächsten Morgen musste ich wieder einmal, abgesprochene Termine umstellen. Ich wollte mich so schnell wie möglich um den kleinen Roten kümmern. Zwischenzeitlich hatte ich mich, trotz selbst verordnetem Aufnahmestopps entschlossen, den kleinen Roten, als meine „gute Tat“ zu Weihnachten, auf den Katzenhof zu nehmen. Wie jede Katze unbekannter Herkunft, musste er als erstes zum Tierarzt. Deshalb packte ich einen Transportkorb in mein Auto.

Als ich an dem angegebenen Haus klingelte, war ich sehr angenehm überrascht. Mir öffnete eine nette, junge Frau, die alles andere als einen rücksichtslosen Eindruck auf mich machte. Sie führte mich, an einem sehr schönen, alten Bauernschrank vorbei, in den ersten Stock. Mitten in einem hellen, gemütlichen Raum, lag auf dem Boden ein dickes Schaffell. Auf dem Fell lag völlig entspannt und zufrieden, der kleine Rote. Vor ihm auf den Knien ein kleines, blondes, zartes Mädchen. Sie streichelte die kleine Katze mit totaler Hingabe. Kein Mensch hätte darauf kommen können, dass der kleine Kater nicht in dieses Haus gehörte. Als Kind durfte ich, auch bedingt durch die Nachkriegszeit, kein Tier haben. Vermutlich auch deshalb, bat ich die Mutter des kleinen Mädchens doch noch einmal, trotz allem was dagegen sprach, darüber nachzudenken, ob man dem Kind zu liebe den kleinen Roten nicht in die Familie aufnehmen könnte. Sie versprach mir darüber nachzudenken und es auch noch einmal mit ihrem Mann zu besprechen.

Überraschender Weise bekam ich nachmittags einen Anruf, in dem sie mir mitteilte, dass sie den für den nächsten Morgen geplanten Tierarztbesuch selbst übernähme. Einen Namen hatte der kleine Rote mittlerweile auch schon bekommen „Findus“. Alles zusammen hörte sich doch sehr stark danach an, als habe Findus gewonnen, habe seinen Platz. Und das kleine Mädchen den besten Freund, den ein kleines Mädchen haben kann, eine Katze. Dann kam alles ganz anders. Durch die ordnungsgemässe Meldung bei der Tierfundstelle ANIS konnten die Vorbesitzer ermittelt werden und forderten ihren kleinen Kater zurück. Damit war ich aus der Verantwortung, aber traurig, dass das kleine Mädchen ihren lieb gewonnenen Findus abgeben musste.

Copyright Isabella R. Kern