Emmas Geschichte


Emma ist am 15.5.99 bei mir abgegeben worden. Sie hatte probiert bei Nachbarn Familienkatze zu werden. Dabei war sie nicht ungeschickt vorgegangen, machte auf arme, fast verhungerte Katze.
Von Freitag auf Samstag hatte ein Paar eine Party gefeiert. Mitten in der Nacht, die letzten Gäste waren gegangen, machten sie sich daran ein bisschen Ordnung zu schaffen. In allen Räumen zu ebener Erde brannte Licht. Die Partygeber waren damit beschäftigt, von überall her Essenreste, volle Aschenbecher und nicht geleerte Gläser zusammen zu tragen. Sie gingen von Zimmer zu Zimmer, Emma draussen auf den Fensterbrettern mit ihnen, nicht ohne jedes Mal in jeden Raum gottsjämmerlich hinein zu miauen. Das in Katzenhaltung ungeübte Ehepaar realisierte richtig, die Katze sieht sehr mager aus, schreit, hat Hunger. Sie überlegten, was von den Resten für eine Katze geeignet sein könnte und entschieden sich für hartgekochte Eier. Am nächsten Vormittag, kaum waren sie aufgestanden, war die Kätzin schon wieder da, guckte ins Fenster und miaute nachhaltig. Emma zog alle Register, machte halbe Kopfstände, liess sich streicheln, war lieb und zutraulich. Genützt hat es ihr nichts. Die Frau des Hauses hatte noch nie Tiere und konnte sich mit dem Gedanken, welche zu haben, auch nicht wirklich anfreunden. Sie riefen mich an um Emma an mich abzugeben. Zweifel, dass das nicht klappen würde, hatten sie keine. Von ihren direkten Nachbarn wussten sie, dass diese nur wenige Tage vorher einen schwarzen, ebenfalls zugelaufenen Kater bei mir losgeworden waren.
Vier Wochen musste Emma anschliessend im Haus bleiben. Mit ihr war es fast nicht auszuhalten, wenn sie nicht schlief ging sie meckernd, schimpfend und maulend durch die Gegend. Jede Katze, die ihr in die Quere kam, bekam ein paar gescheuert. So eine unzufriedene Katze hatte ich noch nie erlebt. Einerseits amüsierte es mich, andererseits nervte sie ungeheuer.
Die vierwöchige Ausgangssperre war geschafft, sie durfte, wie die anderen Katzen bei mir, am Tag in den Garten. Emma kam abends pünktlich nach Hause, was auch klug von ihr war, denn sie hatte erhebliche Magen/Darm Probleme. Am Anfang hat sie täglich erbrochen, ihr Kot war breiig und stank erbärmlich. Mit 2 x täglich 5-7 Globuli Magen/Darm von Similisan (ein Homöopathikum) und mehreren kleinen Mahlzeiten leicht verdaulichem Futter, ging es ihr bald besser, jedoch nahm sie kein Gramm zu. Emma und ich, wir waren wie zwei Verschwörer. Wir mussten immer wieder neue Plätze finden, wo sie ihre Sonderrationen in Ruhe essen konnte, ohne dass die anderen Katzen etwas merkten. Emmas schlechte Laune hatte sich nicht wesentlich gebessert. Ende September war sie plötzlich verschwunden. Ich war traurig, denn ich hatte mir so viel Mühe mit ihr gegeben, hatte sie trotz oder wegen ihrer komischen, meckrigen Art, sehr gern. Allerdings vermutete ich von Anfang an, dass sie von irgend einem Bauernhof in Boppelsen oder Umgebung stammen könnte. Ihre Vorliebe für alles vom Tisch, trockenem Brot, gekochten Kartoffelschalen und Käserinden, erhärteten diese Vermutung. Ich hatte mich damit abgefunden, dass sie möglicherweise wieder auf ihren Hof zurückgegangen war. Da sie ja jetzt kastriert, getestet und geimpft war, war das zwar traurig aber nicht tragisch.
Am 4.11.99, vor Einbruch des Winters, stand sie wieder vor der Tür. So sind Katzen eben! Sie war genauso mager wie eh und je, fing aber sofort heisshungrig an zu essen. Wir führten wieder die heimlichen Mahlzeiten ein. Nachdem sie eine Band- und Spulwurmkur über sich hatte ergehen lassen, nahm sie langsam aber stetig zu. Ihr Fell wurde weich wie Seide und glänzt auch so. Bei ihrer Rückkehr war sie genauso übellaunig und meckrig wie am Anfang. Nach etwa einer Woche vollzog sich ein Wandel. Emma, die Eigensinnige, wurde umgänglicher. In der dritten Woche fing sie an zu spielen, in der fünften lag sie in Körperkontakt mit „Laura“, einer Mitkatze, auf dem Sofa. Ich traute meinen Augen nicht und bin überzeugt, dass die Tatsache, dass Emma diesmal von sich aus auf den Katzenhof gekommen ist, entscheidend dafür ist, dass sie sich Schritt für Schritt integriert.
Die meisten meiner Katzen sind immer bestrebt sich so zu verhalten, dass es mir ja nicht zu wohl wird. Emma macht da keine Ausnahme. Seid sie zurück ist hat sie sich eine neue Marotte, oder besser wäre Unart, zugelegt. Im Untergeschoss, in einem Vorkeller, stehen nicht weniger als sieben Katzentoiletten. Emma platziert täglich ihren Kot irgendwo hin, nur nicht da wo er hingehört. Geformter Kot auf einem Tonplattenboden, das schluckt man gerade noch zähneknirschend. Weniger lustig sind Urinpfützen, die ich manchmal auch vorfinde. Unsauberkeit durch Kot bedeutet in der Regel massiven Protest gegen irgend etwas, mit dem sich die Katze nicht abfinden kann oder will. Emma bringt damit vermutlich zum Ausdruck, dass sie zwar zum „Überwintern“ zurückgekommen ist, deswegen aber noch lange nicht zufrieden damit ist, sich einen Menschen, ein Haus und einen Garten mit 40 Katzen teilen zu müssen.
Einmal, ich hatte gerade im Untergeschoss zu tun, kam sie die Treppe herunter, sah mich, stutzte, miaute ärgerlich, ging mit peitschendem Schwanz hin und her, stieg dann mit offensichtlichem Widerstreben in eine der Katzentoiletten und erledigte ihr grosses Geschäft. In den darauf folgende Tagen platzierte sie mir fröhlich weiter ihre Würstchen ausserhalb der Toiletten. Ich bin neugierig, wie lange sie das noch durchzieht!
Seit drei Tagen hat es eine Programmänderung gegeben. Emma ist es mehrmals gelungen, mir abends zu entwischen. Für eine ehemalige, überhaupt nicht erzogene Bauernkatze, ein ganz normales Verhalten. Morgens 7.00 Uhr steht sie pünktlich auf der Matte. Den Tag mehrheitlich verschlafen, nachts draussen, höchstens in Gesellschaft von Fuchs, Dachs und Marder, dass ist nach ihrem Geschmack, so ist sie aufgewachsen, so ist sie sauber.
Vor mir liegt noch ein hartes Stück Arbeit. Aus der Bauernkatze Emma muss eine gut erzogene Familienkatze werden. Die, ohne neben die Toilette zu koten, nachts zu Hause schläft und, wenn sie will, am Tag ihren wichtigen Katzengeschäften draussen nachgeht.
Nachts sind Katzen um ein Vielfaches gefährdeter als am Tag. Ich möchte auf keinen Fall, dass der hübschen, zierlichen Tigerdame Emma etwas zustösst. Trotz ihrer kapriziösen Art habe ich sie nämlich sehr gerne!
Emma ist jetzt also seit dem 15.05.1999 auf dem Katzenhof. Es ist mir nicht gelungen, dieses verrückte Katzenviech zu zivilisieren. Im Gegenteil, im Sommer bleibt sie nicht selten, bis zu drei Wochen am Stück, weg. Erstaunlicher Weise hat sie trotzdem bis jetzt hier überlebt. Langsam habe ich die Hoffnung aufgegeben, für Emma einen Platz zu finden, der so abgelegen ist, dass sie dort überleben kann. Ausserdem weiss ich so immer wann der Winter beginnt – wenn Emma nach Hause kommt und bleibt. So gehört Emma eben notgedrungen auch zur Familie.

© Isabella R. Kern