Chiaras neues Zuhause

Chiaras neues Zuhause

Liebe Katzenmama in Boppelsen

Vorab danke ich dir ganz herzlich, dass ich auf meiner Reise in die neue Heimat als Zwischenstation bei dir liebevolle Aufnahme und Pflege erfahren durfte.

Meine neue Katzenmama (der Kürze wegen im Folgenden nur Ma genannt) und ich sind am 12. Juni 2003 in Zürich, trotz unsäglicher Hitze, gut gelandet. Ich habe mich im Zug auch ganz artig verhalten. Gemaunzt habe ich erst kurz vor der Haustür, als mir die neuerlichen Strapazen wirklich zuviel wurden und weil ich überhaupt nicht wusste, was jetzt wieder auf mich zukommen würde.

Im neuen Heim angekommen, suchte ich mir ganz schnell einen sicheren Unterschlupf und landete in der Aufregung unversehens zuhinterst in einem äusserst merkwürdigen Gehäuse, d.h. in einer Katzentoilette mit Deckel (!!!), die Ma für mich vorbereitet hatte.

Bei aller Liebe, für mich war es ganz schnell und unwiderruflich klar, dass ich mich mit diesem unmöglichen Ding niemals zufrieden geben würde.

Stell dir vor, eine Bauernhof-Lady soll sich unter diesem engen, luftabschneidenden Deckel zurecht finden? Niemals! Und das trotz Sauberkeit und Catsan-Streu.

Dies hab ich meiner Ma gleich am nächsten Morgen auf unmissverständliche – zugegeben etwas unfeine Weise – zu verstehen gegeben, indem ich mein ganzes Geschäft auf der weichen Polstergruppe in der Stube erledigte.

Möchte nicht sagen, dass ich dabei ein sonderlich gutes Gefühl gehabt hätte. Für alle Fälle verzog ich mich danach weit unters Bett im Gästezimmer.

Bald darauf hatte Ma das Malheur bemerkt. Wider Erwarten gab es keine Schelte. Ma hat nur etwas gemaunzt von „das werden wir schon noch hinkriegen“ oder so ähnlich, verliess nach dem Aufputzen die Wohnung und kam sehr bald zurück mit einer schönen Dachfreien „Migros-Toilette“.

Seither herrscht hier peinlichste Ordnung und Sauberkeit.

Nun zurück zum ersten Abend. Ich kauerte ja immer noch regungslos in diesem merkwürdigen „Toiletten-Zwinger“ und das seit einer Stunde, ohne ihn dem eigentlichen Zwecke entsprechend benutzt zu haben. Da setzte sich Ma vor die Kiste, redete lange und liebevoll auf mich ein, so dass ich schliesslich Vertrauen fasste, spontan die Kiste verliess und auf sie zuging. (Das hat ihr riesig Freude gemacht, ehrlich!) Von diesem Moment an haben wir uns Schritt für Schritt angefreundet und ich mochte auch von Anfang an die mir vorgesetzten Mahlzeiten, sei es nun Whiskas, Sheba, Kitekat oder von Ma Hausgemachtes. Ma’s liebevolle Streicheleinheiten schätze ich sehr und versuche tunlichst zu vermeiden, sie beim gegenseitigen Knuddeln zu kratzen.

Wir pflegen ein besonderes Ritual gegenseitiger Zuneigung:

Ich lege mich seitlich hin, Ma schiebt ihre Hand unter mein Köpfchen, ich lege dabei mein Katzenärmchen auf ihren Arm und dann lasse ich mir, genüsslich schnurrend, mein Haarkleid streicheln.

Meine Schlafplätze suche ich mir selber aus, versteht sich. Bis jetzt habe ich mich lediglich einmal – und nur versuchsweise – in das vorbereitete, hübsche Katzenbettchen gelegt. Irgendwie fühlte ich mich darin nicht wohl – mag ja gehen für kleine Katzenkinder, aber nicht für mich, längst erwachsene und erfahrene Tiger-Lady, die sich nach traditioneller Katzenmanier ihre Unabhängigkeit bewahrt.

Übrigens, der Schlafplatz von Ma war und ist für mich tabu, und ich glaube, sie weiss es zu schätzen. Auch bei Tagesanbruch (wenn ich schon wach bin) würde ich sie nie und nimmer belästigen. Manchmal sitze ich geduldig vor ihrem Bett und warte bis sie die Augen aufschlägt.

Nun ja, gerade Bauernhof-Büsis geniessen oft eine vortreffliche Erziehung.......

Doch manchmal geht’s im Zusammenleben partout nicht ohne „Katzpromisse“. So sind Ma und ich uns in der Angelegenheit „Siesta auf dem Küchentisch“ überhaupt nicht einig.

Lag ich doch auf diesem typischen „Katzentischchen“ (60x60cm), streckte alle Viere von mir, beileibe nicht im Träume ahnend, dass dabei etwas nicht Okay sein könnte, kam Ma und holte mich ganze sechsmal (6x!!!) runter. Das siebte Mal verliess ich das Ding von alleine. Dann wieder verstand ich den Sinn dieses Verbots überhaupt nicht, hüpfte erneut hinauf – und wieder hing der Haussegen schief, als Ma erschien. Um mir weiteren Ärger zu ersparen, liess ich ihr vorerst den Willen – mindestens tagsüber.

Wie über Nacht Katzenhaare auf den Tisch gelangen ist leicht auszumachen. Aber das ist nicht meine Sache – bin ja längst wieder runter.

Dagegen habe ich Ma in Sachen Kondensmilch-Zugabe glatt um das Pfötchen gewickelt. Nach ihrer Devise soll es nur zum Frühstück Wasser-Kondensmilch-Mischung geben. Im übrigen steht nur klares Wasser zur Verfügung. Da ich mein Frühstücksgetränk mega köstlich finde, halte ich mich an folgende Strategie: Ist Ma tagsüber anwesend und nur Wasser im Schälchen, mache ich näschenrümpfend rechtsumkehrt. Dann wird laut und kläglich gemaunzt, mit gezieltem Blick zum Kühlschrank und – katz kann es glauben oder nicht – die Sache funktioniert! Unter uns gesagt: Ist Ma nicht anwesend, trinke ich auch Wasser.

Falls Mama mit meinem Verhalten bzw. meinen Wünschen nicht einverstanden ist, redet sie kopfschüttelnd auf mich ein. Finde ich ihre erzieherischen Forderungen vom Standpunkt einer Katze gar zu doof,  schüttle ich meinerseits den Kopf (was meine Lernfähigkeit beweist). Das bringt sie unwillkürlich zum Lachen und entschärft die Situation.

Nun, liebe Katzenmama in Boppelsen, will ich dich nicht länger aufhalten. Aber ich denke, es hat dich schon ein wenig interessiert, wie’s mir geht.

Alles Liebe

Deine Chiara

Nachtrag vom 18. August 2003

Ich bin inzwischen bereits zwei Monate mit Ma zusammen und fühle mich bei ihr immer mehr zu Hause. Ein Fenster kann gerne auch mal offen stehen. Mir gefällt es hier, also lege ich es nicht darauf an, abzuhauen. Auch den grossen Balkon darf ich nun benutzen, nachdem ein Katzenfreund mit viel Liebe und Sorgfalt zu meiner Sicherheit ein Netz angebracht hat. Herzlichen Dank!

Damit sind meine Ausführungen zu Ende.

Zum Schluss wird Ma noch kurz über ein paar besondere Begebenheiten unseres Alltags berichten:

Chiara macht sehr viel Freude. Ihr umwerfender Charme und ihre Anhänglichkeit bringen Heiterkeit in den Alltag. Auch sorgt sie immer wieder für Überraschungen wie z.b.:

„Katzensprung“

Chiara entweicht in einem unbeobachteten Moment durch das offene Fenster (Hochparterre). Ich gehe raus und rufe sie. Chiara kommt 3 Schritte auf mich zu, kehrt um, schätzt einen Moment die Höhe (1.80m) zum Fenster. Ein Sprung und schon sitzt sie wieder auf dem Fenstersims. Für meine Mieze-Katze kein Problem.

„Chapeau à la mode Sheba“

Das unterste Abteil im Küchenschrank mit Geschirr und Essens-Vorräten für meinen Liebling wird jedes Mal, wenn ich den sauberen Teller zurückstelle, von Chiara inspiziert. Es könnte ja noch was leckeres zu finden sein. So verschwindet sie jeweils gänzlich im Schrank. Kürzlich, als ich mit dem übrigen Abwasch beschäftigt war, trat Chiara mit einer über den Kopf gestülpten Sheba-Schachtel aus dem Schrank. Es ist lange her, dass ich so herzhaft Tränen lachen konnte.

„Klavier“

Chiara schläft viel und gern auf dem Kleinklavier. Am Anfang zeigte sie sich vom Klavierspielen völlig fasziniert und ist immer wieder mal unvermittelt auf die Tastatur gesprungen. Neulich „spedierte“ sie während des Übens das Notenheft kurzerhand auf den Boden, traktierte darauf das zweite, auf dem Klavier liegende Heft mit Krallen und Zähnen. Eifersucht oder reiner Spieltrieb? Da für mich Üben wichtig ist, endete das Intermezzo für Chiara, dass sie sich für die nächste halbe Stunde ausserhalb des Klavierzimmers wiederfand.

Copyright E. Kinkel 19.08.03