Glück gehabt Bubu

Meine erste Begegnung mit Bubu wird mir noch lange in Erinnerung bleiben. Er sass in Regensdorf vor einem 10-12 stöckigen Wohnblock, wie ein Wachposten, gerade aufgerichtet, die zwei Vorderbeinchen ordentlich nebeneinander, auf einer Decke die ihm eine mitleidige Seele auf die Bollensteine neben den Hauseingang gelegt hatte. Vor dem riesigen Gebäude wirkte er so klein, so winzig und so tapfer.
So zumindest empfand ich es.
Als ich mich dem Haus näherte, stand er auf und kam mir, mit hocherhobenem Schwanz, ganz freundlich entgegen, also weniger ein Wachposten, sondern ein freundlicher Empfangschef.

Eine Mieterin des Hochhauses, Frau H., hat mich im August 2002 angerufen, weil sie und die Hausgemeinschaft nicht recht wussten wie sie mit der Situation, herrenloser, hungriger Kater vor dem Haus, umgehen sollten. Im Sommer fiel immer mehr Mietern des Hochhauses auf, dass da schon länger, vor allem zu jeder Tages- und Nachtzeit, eine eher magere, nicht sehr gepflegte Katze zwischen den Häusern streunte. Jeder fragte jeden, in der Hoffnung zu erfahren, wo das Tier hingehören könnte. Am glaubhaftesten, bzw. wahrscheinlichsten war eine Version, die hartnäckig die Runde machte, er sei bei einem Wegzug einfach zurückgelassen worden. Was leider eine häufig praktizierte Form der "Entsorgung" ist.

Warum er gerade vor dem einzigen Hochhaus in diesem Quartier Posten bezog, ist nicht bekannt. Vielleicht schien ihm die Chance, dass er bei so vielen Mietern auf einem Haufen einen Futterlieferanten, bzw. einen Dosenöffner finden würde, am grössten.

Die meisten Hochhausbewohner waren gerührt von seiner liebenswürdigen Anhänglichkeit. Wenn sie abends müde von der Arbeit nach Hause kamen, einen nervigen Einkauf im Zentrum hinter sich hatten oder Besucher sich dem Gebäude näherten, er ging jedem ohne Unterschied entgegen und begrüsste ihn in seiner zutraulichen, freundlichen Art. Es wurde, als man einsehen musste, dass er ganz offensichtlich wirklich verlassen worden war, beratschlagt, bei wem er in Zukunft wohnen könnte. Etwas Konkretes kam dabei allerdings nicht heraus, überall gab es ein Für und ein Wider.
Hunger musste er nicht leiden, sein Teller war immer gefüllt, leider auch mit unvernünftigen Dingen die man, vor allem freilebenden Tieren, nicht verfüttern sollte. Zwischenzeitlich hatte das Ehepaar H. kurz entschlossen die Initiative ergriffen und ihn dem Tierarzt vorgestellt. Er durchlief das ganz übliche Programm von Kastration, Impfungen etc.

Bei meinem "Ortstermin" hatte ich mich vor allem auch danach umgesehen, wie man ihm eine warme Behausung in unmittelbarer Nähe des Hauseinganges aufstellen könnte, ohne dass sich die Verwaltung und eventuell Nichtkatzenfreunde gestört fühlen würden. Ich bat also einen Handwerker und Katzenfreund ein Haus für Bubu anzufertigen und es dunkelgrün zu streichen. Es wurde in einem grossen, direkt neben dem Eingang befindlichen, Gebüsch aufgestellt.
Das Haus ist mit einer Plattform versehen, auf der Bubu wie auf einer Terrasse liegen kann und wo auch Platz ist, um das Futter hinzustellen. Weil man nicht ausschliessen konnte, dass mit der Zeit, der eine oder andere Hochhausbewohner an den, im Hauseingang aufgestellten Futtertellern, Anstoss nehmen könnte.

Wie fast alle Katzen, hat sich auch Bubu Zeit gelassen bis er seine Villa bezogen hat. Das Ehepaar H. hat ihm vor Wintereinbruch noch ein Styroporhaus an anderer, wind- und wettergeschützten Stelle aufgestellt, die nicht einsehbar und nur für Hausbewohner zugänglich ist. Wie Herr H. feststellen konnte, schläft Bubu dort meisten nachts.
Leider wohnen Frau und Herr H. im neunten Stock, aber trotzdem holen sie ihn immer wieder mit einem Transportkorb, im Lift nach oben in die Wohnung. Meistens hält er es aber nicht sehr lange aus. Herr H. lässt ihm dann seinen Willen und begleitet ihn zu Fuss die neun Stockwerke nach unten. Die H's haben eine über 10 jährige Wohnungskatze. Bubu und sie haben sich nie angefeindet aber auch nicht angefreundet, sie ignorieren sich einfach.

Eine so zutrauliche Katze lebt, wenn sie Tag und Nacht draussen ist, sehr gefährlich. Es gibt überall genügend miese Typen, manchmal auch Jugendliche oder Betrunkene, die sich einen Spass daraus machen ein Tier zu malträtieren. Deshalb bitte ich das Ehepaar H. immer wieder, in ihren Bemühungen Bubu die Wohnung schmackhaft zu machen, nicht nachzulassen.
Übers Futter geht es leider nicht, weil er von allen Seiten versorgt wird und nie hungrig ist. Nur wenn sie ihn konsequent immer wieder in die Wohnung holen, wird das langfristig zum Erfolg führen. Vor allem deshalb, weil Bubu wenigstens 9 Jahre alt ist. Katzen werden, in der Regel, spätestens in diesem Alter automatisch häuslicher.

Herr und Frau H. kennen in der Zwischenzeit Bubus Gewohnheiten und Aktivitäten gut. Sie haben ihn vom neunten Stock aus fast überall im Blickfeld und auch andere Mieter im Haus beobachten sein Treiben und nehmen auf die eine oder andere Art teil an seinem Leben. Ein Leben, dass, vorausgesetzt niemand fügt ihm ein Leid zu, auch in dieser Form ein gutes Katzenleben ist.

Seinen Namen hat Bubu übrigens von Herrn H. bekommen. Der Kater erinnert ihn ganz stark an eine Trickfilmfigur aus seinen Kindertagen.


Copyright Isabella R. Kern