Verdrehte Katzen - ANTONELLA



Antonella ist eine ruhige, hübsche, sehr soziale, leider viel zu dicke Tiger/weiss Kätzin, geboren ca. Oktober 2001. Im Frühjahr 03 irrte sie, mit 4 Kindern, auf der Suche nach Futter und einem trockenen, sicheren Versteck für ihre 4 Kleinen in der Gegend von Latisana/Italien umher. Am 10.4.03 wurde eine italienische Tierschützerin darüber informiert, dass dort wo Antonella sich hauptsächlich aufhielt ein Mann dabei war, Vorkehrungen zu treffen, die fünf Tiere umzubringen.

Solche Meldungen sind für den dortigen Tierschutz alltäglich. Für meine italienische Kollegin war es gar nicht so leicht, die Familie einzufangen, weil die Mutterkatze vorsichtig und misstrauisch war. Alltäglich ist auch, dass die Kinder von herumziehenden Strassenkatzen meistens sehr krank sind. Es ist als Glück zu bezeichnen, wenn wenigstens die Katzenmutter noch leidlich gesund und in der Lage ist, ihre Kleinen zu versorgen.

Am 14.4.03 kamen sie dort ins Tierheim. Die Tierheime in Südeuropa, sind in der Regel, mit unseren Tierheimen nicht vergleichbar. Es fehlt dort an allem, weil die Südländer nicht besonders tierfreundlich und erst recht nicht spendenfreudig sind. Die kleinen Katzen hatten offensichtlich schon sehr lange Katzenschnupfen, mit allen schlimmen Begleiterscheinungen und waren unterernährt. Zwei von ihnen starben, trotz aller Bemühungen, schon nach einem Tag. Als die Mutter und die ihr verbliebenen, besonders hübschen, silbergrauen Katzenkinder gesund waren, wurden sie auf die Reise geschickt. Am 3.6.03 kamen sie auf dem Katzenhof an. Sie waren in Sicherheit und hatten eine reelle Chance auf ein gutes Katzenleben. Antonella die Mutter, war verständlicherweise völlig verängstigt durch die ganzen Ereignisse. Die Kleinen, hübsch und lustig wie sie waren, fanden relativ schnell einen Platz. Anders sah es bei Antonella aus. Es handelte sich bei ihr zwar nicht um eine verwilderte Katze. Sie hatte zumindest als Jungtier Menschenkontakt, ist in menschlicher Obhut aufgewachsen. Dann aber wie üblich, ausgesetzt sich selbst überlassen worden, selbstverständlich unkastriert. Die Zeit auf der Strasse hat ihre Spuren hinterlassen. Sie war und ist bis heute extrem scheu und misstrauisch gegenüber Menschen. Solche Katzen sind nur in ganz seltenen Fällen vermittelbar.

Seit dem Sommer 2000 leben auf dem Katzenhof das Geschwisterpaar, Nuray und Hannibal. Man kann sie nicht anfassen, auch ich nicht. Es sind verwilderte Hauskatzen. Katzen brauchen schon in den ersten Lebenswochen Kontakt mit Menschen. Müssen in die Hand genommen und gestreichelt werden. Vertraut werden mit der menschlichen Stimme und den Geräuschen und Gerüchen in menschlicher Umgebung. Geschieht das nicht, werden sie bei Bauern z.B. auf dem Heuboden geboren oder auf der Strasse, im Wald, auf dem Feld, in Schrebergärten, von ihren Müttern sorgfältig versteckt, beschützt und behütet vor Menschen zu grösster Vorsicht erzogen, werden sie als verwilderte Katzen bezeichnet. Man kann sie nur mit unendlicher Geduld und viel Zeit zutraulich machen. Nicht zu verwechseln mit der echten europäischen Wildkatze.

Nuray und Hannibal bewohnen einen Raum mit Katzentür, im Untergeschoss meines Hauses. Beide sind unglaublich brav. Seit 5 Jahren kommen sie abends zwischen 17.00 Uhr und 18.00 Uhr, wenn ich mit der Klappe von der Katzentür klappere, die ich dann nach innen stelle, dass sie zwar herein aber nicht wieder heraus können, innerhalb weniger Minuten nach Hause. Sie bekommen ihr Abendessen, dann wird geschlafen bis ich ihnen am nächsten Morgen ca. 8.00 Uhr das Frühstück serviere und die Katzentüre wieder einstelle, dass sie in meinen 4000 qm grossen Garten können.

Antonella hatte mit ihrem scheuen Wesen, bei Katzeninteressenten nicht die geringste Chance. Deshalb quartierte ich sie Anfang 2004 bei Nuray und Hannibal ein. Zwei Wochen setzte ich sie, im gleichen Raum, in eine grosse Doppelbox mit Gittertüren. So konnten sich die drei Tiere ganz langsam und ohne Stress mit Sicht-, Hör- und Geruchskontakt ganz behutsam kennen lernen. Dann öffnete ich die Box, die Antonella erst am nächsten Tag verliess. Trotzdem sie durch die Katzentür hätte nach draussen gehen können, blieb sie, wenn ich mich recht erinnere, noch zwei oder sogar drei Wochen in dem Raum. Als sie zum ersten mal nach draussen ging, kam sie am gleichen Abend mit den beiden anderen pünktlich nach dem Klappern nach Hause. Ich war glücklich und dankbar, weil bei solchen Aktionen immer ein kleines Restrisiko bleibt. Besonders erfreulich war, dass Nuray, Hannibal und Antonella sehr schnell wirklich gute Freunde wurden. Sie liegen oder schlafen, bis heute, mindestens zu zweit in einem Korb, nicht selten zu dritt. Wenn der betreffende Korb zu klein ist, auch schon einmal übereinander geschichtet. Sogar draussen im Garten, bleiben sie sehr häufig den ganzen Tag zusammen.Zwischendurch passiert es aber auch, dass Antonella, vor allem wenn es draussen ungemütlicher wird, den ganzen Tag drinnen verschläft. Sie ist häuslicher, als die beiden anderen.

Ende April 2005 rief Frau B. auf dem Katzenhof an. Sie war auf der Suche nach einer zweiten Katze. Frau B. bewohnt mit ihrer 5 Jahre alten Kätzin Tini, eine 3 ½ Zi. Wohnung, mit Balkon. Ich erzählte ihr von der scheuen Antonella. Ihre gute Verträglich- und Häuslichkeit sprachen für eine Vermittlung. Das Alter der beiden Kätzinnen passte auch. Was dagegen sprach war ihre enge Verbundenheit mit Nuray und Hannibal. In meinen Überlegungen spielte mein eigenes Alter, von damals siebzig, eine nicht unwesentliche Rolle. Die Anruferin war 20 Jahre jünger als ich, sie würde mit grösserer Wahrscheinlichkeit bis an Antonellas Lebensende für sie sorgen können. Frau B. kam Antonella ansehen, sie gefiel ihr.

Die meisten Tiere, vor die Wahl gestellt, Privathaushalt und Familie mit reichlich Zuwendung, oder gutes Tierheim, würden sich gegen das Tierheim, wo sie nur ein Tier unter vielen sind, entscheiden. Ich war überzeugt davon dass Antonella, selbstverständlich nach massiven Anfangsschwierigkeiten, bei Frau B. und ihrer Kätzin Tini glücklicher als bei mir sein würde. Was mich in dieser Meinung zusätzlich bestärkte, waren zwei Tierarztbesuche. Vor der Umplatzierung musste sie nachgeimpft werden. Bei der Gelegenheit liess ich, weil sie so scheu ist, den Tierarzt auch Zahnfleisch und Ohren ansehen und ihr eine Spritze gegen Würmer und andere Parasiten geben. Normalerweise mache ich die Endkontrolle selbst. Bei unserer Rückkehr separierte ich sie in einem Raum in einer grossen Doppelbox. Auf diese Weise ersparte ich mir auch gleichzeitig eine stressige Einfangaktion vor dem zweiten Tierarztbesuch. Ausserdem konnte ich so ihren Kot und Urin und ihr Verhalten kontrollieren. Ich war selbst am meisten überrascht wie ruhig, brav und problemlos sie sich vom ersten bis zum letzten Tag verhielt. Sogar beim Tierarzt liess sie alles ohne jede Gegenwehr über sich ergehen. Sie machte überhaupt keine Schwierigkeiten. Die machte sie erst bei Frau B., trotzdem auch dort alles aufs Sorgfältigste vorbereitet war. Sie hatte ein eigenes Zimmer mit Gittertür davor. So konnten sich die beiden Katzen sehen, hören und riechen und ohne direkte Konfrontation auf die neue Situation einstellen.

In der ersten Nacht war Antonella ruhig. Frau B.`s Kätzin Tini zeigte sich schon nach kurzer Zeit freundlich und neugierig. Sie nahm sogar, zwar vorsichtig und zaghaft, mit Antonella Kontakt durchs Gitter auf. Am Tag lag Antonella entspannt ganz oben auf dem Kletterbaum. Sie benutzte regelmässig ihre Toilette und ass gut. In der zweiten Nacht legte sie los und revoltierte auf die schlimmste Art. Sie sprang krachend auf den Möbeln herum, ging an den Gardinen hoch, Frau B. hat sie kurzer Hand abgenommen, rüttelte am Gitter, miaute usw. Laut Frau B. ging das Nacht für Nacht so weiter. Dieser Terror war nicht zu erwarten. Frau B. befürchtete, dass sich früher oder später die Nachbarn beschweren könnten, was zum Glück nicht passierte. Nach fünf Wochen kamen wir überein, dass es keinen Sinn hätte, Antonella weiter dort zu lassen. Frau B. brachte Antonella abends, kurz bevor ihre zwei Freunde Nuray und Hannibal von draussen hereinkamen, auf den Katzenhof zurück. Ich verriegelte die Katzentür, bzw. stellte sie so ein, dass die zwei herein, Antonella aber nicht heraus konnte. Kurz darauf brachte ich den dreien ihr Abendessen. Antonella hatte sich versteckt, was nicht weiter beunruhigend war. Am darauf folgenden Morgen war ich dann allerdings doch erschrocken, Antonella war verschwunden. Sie hatte, was vorher noch nie passiert ist, die Katzentür entriegelt. Nuray und Hannibal hatten sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, sie waren auch draussen. Als sie mich im Haus hantieren hörten, kamen sie allerdings sofort herein um ihr Frühstück in Empfang zu nehmen. Eine volle Woche sah und hörte ich nichts von Antonella. Meine Sorge um sie hielt sich allerdings in Grenzen. Ich war mir ganz sicher, dass sie sich nur furchtbar aufgeregt hatte, aber im Garten bleiben würde. Hier im Katzenhof war ihr Zuhause, hier hatte sie ihre Freunde. Menschlich ausgedrückt: Sie musste das gerade Erlebte erst einmal verarbeiten. Sie brauchte Zeit.

Nuray und Hannibal kamen, wie immer, brav nach Hause und waren wie immer über Nacht drinnen. In der zweiten Woche sah ich Antonella von weitem, immer wieder einmal im Garten. Mir traute sie vorläufig wohl nicht mehr über den Weg. In der dritten Woche, tauchte sie spät abends draussen auf dem Fensterbrett der Futterküche auf. Die befindet sich, neben meiner eigentlichen Küche, im Erdgeschoss. Hier wird morgens und abends das Essen für alle Tiere im Haus zubereitet. Ausserdem wird ein Teil der zum Haus gehörenden Tiere dort gefüttert. Mit wenigstens acht zappelnden, miauenden Katzen um meine Beine, auf den freien Arbeitsflächen, neben den bereits gefüllten Tellern, gestaltet sich die ganze Angelegenheit, 2x täglich zu einer echten nervlichen Zerreissprobe. So schnell ich konnte, füllte ich einen Teller mit Futter für Antonella, öffnete, so vorsichtig wie möglich, das Fenster und schob den Teller ganz langsam raus aufs Fensterbrett. Was Antonella vorsichtshalber erst einmal mit einem Satz verlassen hatte. Ich schloss das Fenster und tat so als ob ich meiner ganz normalen Arbeit nachging. Wie erwartet, kam sie zurück und verschlang heisshungrig alles was auf dem Teller war. Eine Weile ging das so, dann eines abends wartete sie, mit Nuray und Hannibal, als sei nichts gewesen, in ihrem gemeinsamen Raum aufs Abendessen. Die Welt war wieder in Ordnung, für sie und für mich. Insgeheim versprach ich ihr, sie nie wieder zu vermitteln.

Aber etwas hatte sich geändert, was für mich ärgerlich war. Immer wieder entriegelte, wenn ihr gerade danach war, Antonella die Katzentür und die drei verschwanden in der Nacht. Eine Weile zerbrach ich mir den Kopf, wie ich die drei an ihren nächtlichen Ausflügen hindern könnte. Dann hatte ich eine Idee. Ich stelle jetzt jeden Abend zwischen das Fenstergitter aussen und das Fenster, da wo sich die Katzentür befindet eine Sperrholzplatte. Das funktionierte bis zur letzten Woche, da fehlte Hannibal am morgen. Die Katzentür war entriegelt, vermutlich von Antonella. Dann hat wahrscheinlich Hannibal mit der Pfote durch die Klappe gegriffen und mit seinen Krallen die Sperrholzplatte einen Spalt breit zur Seite gezerrt. Ich kann nur hoffen, dass das nur ein Zufallstreffer war und mein Patent weiter funktioniert. Eins ist mir klar geworden, dass offensichtlich Katzen, wenn sie in eine kritische Situation geraten oder etwas unbedingt erreichen wollen, Kräfte mobilisieren können, die man nicht einkalkuliert hat. Etwas Anderes ist mir auch klar geworden. Ich habe keine Wahl, ich habe zu viele unvermittelbare Tiere, die noch bis 2020 Leben werden. Ich muss, koste es was es wolle, auf den Beinen bleiben.

copyright Isabella R. Kern